Sweetheart auf der Bank

Bankgeschäfte in den USAIrgendwo kurz vor der Grenze zu Tennessee hat mich meine Steuerberaterin angerufen. Ich müsste meine Deklaration vor Ostermontag einreichen, sagte sie mir auf meinen Rückruf hin, den ich von irgendeiner Tankstelle irgendwo im Nichts getätigt habe. Aber aus dem Nichts ist es schwierig, Steuerdeklarationen zu verschicken – also hat sie einen Aufschub beantragt, den ich aber mitsamt dem Steuerbetrag trotzdem vor dem 17. an die Steuerbehörde in San Francisco schicken müsse.

Weil meine Steuerberaterin allerdings E-Mail grundsätzlich nicht benutzt und auf den Fax schwört, musste ich einen Fax beschaffen, was im Nichts von Tennessee nicht so einfach ist. Im Steakhouse, wo wir zu Abend assen, musste die Managerin ihr Faxgerät zuerst anschliessen, und danach funktionierte der Empfang nicht. In der Tankstelle gegenüber wusste die Angestellte im entscheidenden Moment nicht, wie sie die Maschine manuell zur Entgegennahme des Dokuments bewegen konnte. Ich wurde langsam nervös, denn in Kalifornien gings nun auch schon gegen 17.00 Uhr – also schwang ich mich hinter die Theke und brachte den Fax dazu, meine Papiere auszuspucken.

Das war gestern.

Heute musste ich das Zeug zusammen mit einem Check an die IRS in San Francisco versenden – bloss habe ich keine Checks. Also suchten wir eine Bank of America, um einen Cashierscheck ausstellen zu lassen, und fanden eine Filiale in Columbia, TN. In bester Südstaatenmanier bemutterte mich die Schalterdame nicht nur, indem sie mich „Sweetheart“ nannte (zumindest das habe ich verstanden), sondern mir gleich auch meine vertraulichen Unterlagen aus den Fingern riss, alles durchlas und dann ansetzte, mir den Vorgang zu erklären. Ich wusste nicht, ob ich mich über den Kundenservice freuen, die Indiskretion aufregen oder die selbsverständliche Annahme, ich swei mit dem ganzen Vorgang überfordert, amüsieren sollte – und entschied mich für letzteres. Schliesslich befanden wir uns in Hinterwalden oder, wie wir ein Dorf weiter realisierten, in „Hohenwald“, das gleich neben „Linden, Home of the Vikings“ liegt. In dieser ganz offensichtlkich ursprünglich deutsch besiedelten Hügelzone verfügt jedes Haus, und sei es auch nur ein halb verrotteter Trailer, über fünf Aren Rasen bis hin zum Highway und meistens mindestens einen brandneuen, vielfach aber auch einen malerisch abgestellten, ausgeschlachteten Pickup-Truck. Jedes fünftge Gebäude an der Strasse ist eine Kirche: Church of God, Church of Christ, Primitive Baptist Church, Pentecoastal United Church, Methodist Church of Hohenwald, Yehovas Witnesses – irgendwie scheint es hier mehr Spielarten des Christlichen Glaubens als Einwohner zu geben.

Jedenfalls sind die aber freundlich, hilfsbereit und bereit, selbst einen verschwitzten, ausländischen Töffahrer „Sweetheart“ zu nennen.

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