Die Aliens in San Francisco

Verkehrte Welt: In San Francisco manifestiert sich  die Gentrification ganzer Stadtteile durch effiziente private Transportsysteme für die Technologie-Truppen, die täglich aus der Stadt ins Silicon Valley pendeln.

"Google-Bus" wird an einer Muni-Haltestelle von Demonstranten blockiert.

„Google-Bus“ wird an einer Muni-Haltestelle von Demonstranten blockiert. Bild: CJ MArtin

Kurz nach meiner Ankunft in San Francisco 2004 hat mir David Sifry, der Gründer der Bloganalyse-Maschine Technorati, vergnügt erzählt, dass die gute Seite der Dotcom Krise der ungehinderte Verkehrsfluss auf den Autobahnen 101 und 280 nach Süden ins Silicon Valley sei.

Die nächste Blase wird an den Staus
auf den Freeways zu erkennen sein

sagte er damals.

Offenbar hat er nur teilweise recht: Die Blase manifestiert sich derzeit – ausser in Form der explosionsartig angestiegenen Mieten in der Stadt –  im kollektiven Ärger der «alten» Franziskaner über die Pendlerbusse von Google & Co. Inzwischen ist es mehrfach zu Ausschreitungen gekommen – nicht auf dem verstopften Freeway, sondern in der Stadt, wo die Pendlerbusse der Firmen angeblich Verspätungen im öffentlichen Bussystem provozieren.

Gestern hat mir Christian Simm, Leiter von Swissnex in San Francisco und auf Schweiz-Arbeitsbesuch, von regelmässigen Presseberichten über die weissen Busse mit den getönten Scheiben erzählt. Sie befördern inzwischen angeblich jeden Tag 35’000 Technologiearbeiter aus der Stadt am Golden Gate hinunter ins Silicon Valley, zu den Campi von Google, Facebook, Apple und Co. Die Busse sind nicht nur durchgehend werbefrei und schillernd weiss, sondern haben undurchsichtig getönte Fensterscheiden und WLan an Bord, damit die Pendler auf dem Weg zur Arbeit schon mal loslegen können; sie halten weitverzweigt in der Stadt auf den offiziellen Haltestellen der städtischen Buslinien und verstärken neben den dreckigen Muni-Bussen mit ihrem makellosen Weiss den Eindruck, dass hier Ausserirdische angefangen haben, die Stadt zu unterwandern.

Die makellos weissen Busse mit den undurchsichtigen Scheiben verstärken den Eindruck, dass Ausserirdische die Stadt unterwandern.

Heute berichtet das Wallstreet Journal, dass der Stadtrat von San Francisco reagiert und die Pendlerbus-Betreiber für die Benutzung der Bushaltestellen zur Kasse bitten will.

Den Mietpreisanstieg in San Francisco habe ich vor meiner Abreise noch miterlebt: Allein meine kleine 2-Zimmer-Wohnung, 2004 für 1100 Dollar auf dem Markt, wäre 2011 nicht für weniger als 2000 Dollar zu haben gewesen. Und dass die grossen Pendlercars in den Strassen von San Francisco mit ihrer Häufung Aufsehen erregen, das kann ich mir gut vorstellen.

Aber dass sie für Verspätungen im Muni-System verantwortlich sein sollen, halte ich für ein gelungenes Gerücht: In den Jahren des negativen Wachstums von San Francisco (das paradoxerweise mit der Finanzkrise 2008 sein Ende fand, weil Abertausende aus ihren Villen in den Vorstädten in die Stadt zurückziehen mussten) war der Fahrplan selbst des lebenswichtigen 38er Linie vor meiner Haustüre eine Art Lottozettel und die Anbringung der hierzulande verbreiteten elektronischen Echtzeits-Ankunfts- und Abfahrtstafeln an den Haltestellen ein gern weitergereichter Witz.

[selptable]

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