Kommentare: Mehr wert

In der Theorie ist es eine Binsenwahrheit: Die Mitwirkung des Publikums an journalistischer Arbeit (die Kommentarfunktion) schafft einen Mehrwert. Denn in der Leserschaft finden sich immer Menschen, die mehr zum Thema wissen. Allerdings gehört es inzwischen auch zu den journalistischen Aufgaben, diese Wortmeldungen zu identifizieren und hervorzuheben.

Kommentare
Seit der journalistische Elfenbeinturm via Internet durchlässig und auch für Aussenstehende erklimmbar geworden ist, schiessen sich Publizisten, Werber und Politiker regelmässig in den eigenen Fuss, indem sie Fragen stellen wie die: «Was berechtigt eigentlich jeden Computerbesitzer, ungefragt seine Meinung abzusondern?». Die Antwort darauf müsste lauten: Das Recht auf freie Meinungsäusserung, die Pressefreiheit und ein paar andere Grundsätze einer demokratischen Gesellschaft – aber das führt in eine andere Richtung als die, welche ich hier kurz einschlagen möchte.

Sie erklärt nämlich allenfalls, warum auch die Meinungsführer von Druckereibesitzers Gnaden plötzlich öffentlich Wortmeldungen von normalen Sterblichen akzeptieren müssen.

Und darin steckt ein Widerspruch, der mir zusehends auf die Nerven geht: Journalisten und Journalistinnen wollen offenbar genau so lange mehr zu «ihrem» Thema erfahren, als sie die Kontrolle über das am Ende publizierte Gesamtbild innehaben. Sie recherchieren und suchen nach Spezialisten und Fakten, bis sie ein Bild des Gegenstands oder der Geschichte haben, das mehr oder weniger abgerundet, ins Weltbild des Mediums passend oder nach sonstigen Kriterien «fertig» ist.

Sobald diese Momentaufnahme verfasst und publiziert ist, wird jeder weitere Einwurf als störend empfunden. Sogar dann, wenn er nachweislich Fehler des Journalisten korrigiert oder wesentliche inhaltliche Ergänzungen und Weiterführungen bietet.

Sobald die Momentaufnahme publiziert ist, wird jeder Einwurf als störend empfunden.

Womit wir bei den in vielen Redaktionshallen (Stuben sind das schon lange nicht mehr) verpönten Kommentaren aus der Leserschaft wären. Zu diesem Instrument kann man die verschiedensten Haltungen einnehmen.

  • Sie sind gänzlich überflüssig und eine verwirrende Verwässerung des konzentrierten Wissens im Artikel.
  • Sie sind ein Ventil, über welches das Publikum seine laienhafte Aufregung abreagieren kann und damit die Journalisten weniger mit Anrufen, Leserbriefen oder Korrekturbegehren anstrengt.
  • Sie sind eine inhaltliche Ergänzung, die aus dem auf einer Zeitachse statischen Faktenwerk des Artikels eine zeitlose Dokumentation zu einem Thema macht, welche neben Fakten auch ein Bild der Meinungen widergibt.

Diese Verkürzte Aufzählung könnte man auch als Evolution des Verständnisses für Leserschaftskommentare sehen. Einzelne Verlage haben sie früh und ohne jede Schwelle und Moderation eingesetzt, um Leserbindung zu schaffen; sie haben erkannt, dass sie damit ohne irgendeinen Aufwand PageImpressions (den Werbekunden als Masseinheit verkaufbare Seitenaufrufe) generieren können – und damit veritable Internet-Klowände geschaffen, an die Pubertierende, Frustrierte und gelangweilte Menschen inhalt- und wertlose Kritzeleien geschmiert haben.

Weitere Stufen nach der Zulassung von Kommentaren (die noch längst nicht alle Medien online erreicht haben) sind der Einbau von Hemmschwellen (Registrierung), Selbstkontrolle durch die Kommentierenden, redaktionelle Moderation und sogar Selektion.

Kommentarmoderation muss mehr sein als Abwehr unerwünschter Zwischenrufe. Sie muss erwünschte Anmerkungen begünstigen.

Auch wenn diese Massnahmen allesamt die offene Diskussion einzuschränken drohen, führen sie doch in der Regel zu einer Steigerung der Qualität der Wortmeldungen. Wer wirklich etwas zum Thema zu sagen hat, wird die Hürden nehmen. Die (moderate) Regulierung der Kommentarspalte dabei als reine Abwehrmassnahme zu verstehen, ist aber an sich schon eine Geringschätzung. Sie müsste vielmehr einen aktiven Beitrag leisten, um die Motivation der wirklich wertvollen Diskussionsteilnehmer anzuheben.

Die lässt sich aber kaum durch technische Mittel, sondern in erster Linie durch die empathische Austrahlung des Mediums beeinflussen.

Will heissen: Je ernster eine Redaktion die Zuschriften ihrer Leserschaft nimmt, desto mehr werden auch Menschen bereit sein, sich am Dialog zu beteiligen, die den Aufwand angesichts einer schlechten Qualität des Gesprächs scheuen würden.

(Ein Beispiel für explizite Wertschätzung der Autoren für Kommentare gibt der britische Guardian: Er hebt Wortmeldungen zu einem Artikel und die Antworten des Autoren spezifisch hervor. Eine andere Wertschätzung lässt das neue Online-Magazin Quartz den Kommentatoren angedeihen, indem es die Kommentierung einzelner Abschnitte («Anmerkungen») von Artikeln ermöglicht.)

Was in Arbeit für die Redaktion resultiert. Und diese Arbeit, darum geht es mir an dieser Stelle, gehört in den Kanon der neuen Aufgaben von Medienschaffenden.

Die Kommentarbewertung gehört in den Kanon der neuen journalistischen Aufgaben

Bei der Basler TagesWoche haben wir von Anfang an auf zwei Stufen gesetzt: Registrierung und positive Selektion. Die Idee dabei: Jede und jeder soll sich äussern können, muss aber ein Minimum an Information über sich preisgeben (Registrierung, allerdings mit Pseudonym zulässig). Die Selektion ist kein Ausschlussfilter, sondern eine Würdigung einzelner Kommentare: Jener, welche die Redaktion (im Idealfall der Autor des Artikels) als wertsteigernd für die gesamte Leserschaft erachtet.

Das Resultat soll eine zusätzliche Dienstleistung der Redaktion für die gesamte Leserschaft sein: Einerseits besteht Transparenz, indem sämtliche Wortmeldungen (ausser jenen, die gegen die Grundregeln von Anstand und Diskussionskultur verstossen) abrufbar sind, andererseits wird der Mehrwert, der einem Artikel durch sachliche, faktische Ergänzungen (und ja: Korrekturen!) oder bisweilen auch Meinungsäusserungen namentlich am Gegenstand der Story Direktbeteiligter angedeiht, als integraler Bestandteil des Artikels angehängt.

Ein Beispiel ist mir dieser Tage bei meinem früheren Arbeitgeber aufgefallen. Der launische Text über die Pressestelle der Basler BIZ hat weniger diese geheimnissvolle Finanzinstitution zum Thema als die Tendenz mächtiger Einrichtungen und Konzerne, den Informationsfluss bis zur Verweigerung strategisch unangreifbar zu steuern.

In der Kommentarspalte allerdings entspann sich unter dem Text eine Diskussion von Leserinnen und Lesern, die mit Anekdoten und Hinweisen auf historische Fakten weit mehr meiner Aufmerksamkeit gefunden hat als der neckische Erfahrungsbericht des Journalisten. Schliesslich verweist mich der Kommentarfluss sogar auf eine Initiative zum Geld- und Bankwesen, die mir bisher nicht präsent war.

Zusammengefasst wird der Artikel zum Appetithappen für eine private Recherche, einen Tauchgang im Internet und letzlich im Buchhandel, um noch mehr über die Institution BIZ, ihre Rolle, ihre Geschichte und ihr Auftreten zu erfahren.

Hier erreicht ein Journalist sein höchstes Ziel dank der Kommentare: Noch mehr Interesse für das Thema des Artikels.

Diese Auswirkung gehört zum besten, was ein Journalist mit seiner Arbeit erreichen kann.

Und wenn er es einmal indirekt über die Kommentare aus der Leserschaft erreicht, ist das wohl Grund genug, diese Kommentare inskünftig genauer anzusehen und zu würdigen.

Nach welchen Kriterien? Stoff für einen künftiges Blogposting – Kommentare sehr willkommen (in diesem Blog nach dem Mechanismus: Wer einmal mit einem Kommentar zugelassen wurde, hat künftig freie Hand.)

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