Klapproths kühne Gassenschau

Zehn vor zehn: «Immer mehr Frauen aus der Schweiz werden von solchen Bildern angezogen»

«Wer uns totschiesst, den schweigen wir tot» – diese (in ihrer komischen Konsequenz ziemlich banale) Position erhebt Ex-10-vor-10-Moderator Stephan Klapproth in der NZZ am Sonntag vom 29. November 2015 zur «kühnen neuen Denkweise der Pressefreiheit». Die Medienhäuser in demokratischen Ländern sollen sich «in Ausnahmesituationen» absprechen und nur streng faktenbasiert berichten. Denn Terror ist Propaganda, und die Medien sind seine Helfer, also sollten sie immer dann schweigen, wenn Terroristen sie instrumentalisieren.

Die Forderung ist aus mindestens zwei Gründen ausgesprochen ärgerlich.

Zum ersten, weil es sowenig kühn wie aussergewöhnlich ist, dass sich die Journalisten vor jeder Berichterstattung fragen (sollten), was sie damit auslösen: Ob sie im Gesamtzusammenhang der Relevanz des Ereignisses gerecht wird oder ob sie sich sogar zum Werkzeug von Tätern (terroristischen genauso wie politischen) machen. Auf allen Redaktionen, denen ich die letzten 22 Jahren angehören durfte, gehörte diese Fragestellung zum journalistischen Selbstverständnis. Diese Abwägung gehört selbstredend zu den Pflichten  der Journalistinnen und Journalisten.

Zum zweiten ist die Idee eines «freiwilligen Pakts» der «Medienhäuser eines demokratischen Landes» nicht nur aus Gründen des wirtschaftlichen Wettbewerbs weit abseits der Realität – solche Absprachen sind auch aus demokratischer Sicht – selbst oder grade in «Ausnahmesituationen» – in keinem Fall wünschbar, und ganz sicher nicht als Ersatz für Eigenverantwortung der Verleger/Veranstalter. Definiere «Ausnahmesituation»: Eben.

Am Rande: Dass die Forderung nach «temporärer Entdramatisierung der Medieninhalte» vom langjährigen Moderator einer SRF-Sendung stammt, deren Berichterstattung sich (naturgemäss) mehr an den Knalleffekten vorhandenen Bildmaterials denn an der Relevanz in der Gesamtnachrichtenlage orientiert, macht sie zur Ohrfeige für all die (kühnen) Kolleginnen und Kollegen, die ihre Verantwortung seit je mit Einordnung statt Soundbytes wahrnehmen und dabei durch den härteren Wettbewerb angesichts des Strukturwandels immer stärker gegen die Tendenz zur Boulevardisierung ankämpfen mussten.

2 Kommentare
  1. Peter Meier
    Peter Meier sagte:

    Es war ja auch nicht viel zu erwarten, wenn ein Ex-SRF-Kolchose Mitarbeiter “ kühne“ Gedanken meint zu äussern. Der Kern seiner wirren Argumentation läuft schlicht darauf hinaus auch noch alle Medien ausserhalb der SRF gleichschalten zu wollen – dies ausgerechnet als Pressefreiheit zu bezeichnen ist nicht mehr nur dumm sondern auch noch frech. Der gute Klapproth, dessen Ego weit grösser als seine Kompetenz ist, sollte ehrlich sein und zugeben einfach nur alle andern Meinungen in den Medien unterdrücken zu wollen um seine eigene „Propaganda“ noch effizienter betreiben zu können (denn Berichterstattung hat weder er selber noch das Schweizer Fernsehen jemals gemacht.)

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