Die NZZ-Redaktion genügt sich selbst

Jetzt kapituliert also die Alte Tante. Sie schliesst Ihre Kommentarspalten und lässt nur noch zu drei ausgewählten Artikeln täglich Kommentare zu. Den Dialog will man weiterhin fördern, indem sich wöchentlich ein Redaktor oder eine Redaktorin zu einem Thema der öffentlichen Debatte stellt. 

Die Qualität der Beiträge aus dem Publikum zu allen Artikeln der Zeitung sei für die Weiterführung der (registrierungspflichtigen) offenen Kommentarspalte zu gering, lässt der Social-Media-Redaktor Oliver Fuchs verlauten. Das ist insofern bedauerlich, als die grundsätzliche Erkenntnis der Ursachen durchaus richtig ist und man es sich nicht so einfach macht, irgendwelchen Trollen die Verantwortung zuzuschieben:

“Wer eine leere Wand errichtet, sollte sich über Graffiti nicht wundern. Und wer auf das Graffiti nicht reagiert, sollte sich nicht wundern, wenn die Kritzeleien überhandnehmen. Das Gefäss bestimmt den Inhalt, nicht umgekehrt.”

Die Trolle sind nicht in erster Linie der Grund für die geringe Qualität einer Kommentarspalte, sondern eine Folge davon: Damit ist doch aber eigentlich gesagt, dass das beste Mittel zur Förderung eines anständigen Dialogs nicht die Beschränkung debattierbarer Themen, sondern die Steigerung der Ressourcen für diesen Dialog ist. Die NZZ müsste, statt den Zugang des Publikums zu den Redaktionsmitgliedern zu beschränken, vielmehr die Redaktorinnen und Redaktoren darauf verpflichten und darin unterstützen, zumindest die ernsthaften Wortmeldungen zur Kenntnis zu nehmen, zu beantworten und bestenfalls mit Informationen für eine Folgerecherche belohnt zu werden. Immerhin hat die Unternehmensleitung der NZZ längst erkannt, dass ihre Wertschöpfung künftig zunehmend aus dem Lesermarkt und nicht aus der Werbung erfolgen wird. Da müssten dann folgerichtig die zahlenden Leser mehr geschätzt und nicht in ihren Möglichkeiten zum Austausch eingeschränkt werden.

Kommentatoren leisten Arbeit

Zumal es gegen krude Meinungsäusserung, destruktive Tiraden oder Pöbeleien einfache und effiziente Mittel wie Netiquette-Regeln und längst auch Algorithmen gibt, mit denen sie weggeputzt werden können. Die beste Methode zur Steigerung der Diskussionsqualitäten erzielt man, wenn man die Kommentatoren ernst nimmt und mit einer Antwort würdigt. Immerhin haben sie ihre Zeit und Ihre Gedanken investiert. 

In den Blogwerk-Blogs, mit denen wir ab 2007 ein beträchtliches Publikum im ganzen deutschsprachigen Raum erreicht und ein erhebliches Kommentaraufkommen zu verarbeiten hatten, habe ich rasch gelernt, dass aus gehässigen Besserwissern rasch wertvolle Fact-Checker, treue Anhänger und bisweilen sogar freiwillige Mitarbeiter werden, wenn man sie nur ernst nimmt.  Bei der Basler Tageswoche haben wir diesen Mechanismus systematisiert, indem wir als redaktionelle “Kuratierung” (nicht zu verwechseln mit Moderation) die wertvollsten Kommentare zu jedem Artikel hervorgehoben haben. Das waren jene Beiträge, die Zusatzwissen einbrachten, Fehler korrigierten oder weiterführende Fragen stellten.  Das führte dazu, dass sich schon mal Regierungsräte, Kunstschaffende oder wissenschaftliche Experten zu Artikeln äusserten, denn sie konnten sich darauf verlassen, nicht einfach in der chronologischen Reihe beliebiger Wortmeldungen zu stehen.

Nicht erst seit den Fehleinschätzungen der Massenmedien im Zusammenhang mit der Wahl von Donald Trump in den USA, sondern spätestens seit der Publikation von Erkenntnissen wie denen der “Naked Conversations” oder dem “Cluetrain Manifesto” scheint klar, dass sich die Medienwelt von der dozierenden vierten Macht im Staat wandeln muss in ein Forum, das den immer freieren Meinungs- und Wissensaustausch kanalisiert und moderiert.  Diskussion ist kein Selbstzweck, zu dem das Publikum ein Bedürfnis hat, das man mit fast beliebigen Themen in Schach halten kann. Es geht darum, dass sich die Medien der Auseinandersetzung mit ihrem Publikum stellen. 

Wenn sie es nicht tun und sich auf die samstägliche Publikation eines klugen Aufsatzes beschränken, dürfen sie sich nicht über schwindende Aufmerksamkeit beklagen. Die NZZ kapituliert nicht vor der Geschwätzigkeit oder den Trollen im Publikum, sondern vor dem Unbehagen ihrer eigenen Redaktion, sich dem Publikum stellen zu müssen. Das ist nichts Geringeres als eine Absage an die Publizistik 2.0.

Disclaimer: Ich habe von August 2014 bis Ende 2015 in der Leitung des NZZ-Newsrooms gearbeitet.

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