Dez
21
Transitive Stirntätigkeiten
Filed Under Helvetien und seine -tier
“Sie brauchen jetzt nicht mit der Stirn zu runzeln - ich habe nur einen Fehler gemacht.” Ziemlich unglaublich, der Satz - vor allem frühmorgens aus dem hochdeutschen Mund einer Zugbegleiterin der Schweizerischen Bundesbahnen: Könnte meine Stirn transitive Tätigkeiten erledigen, ich würde darauf achten, dass sie nützlicher wären als etwas zu runzeln.
Die grammatikalische Anomalie des Satzes reicht indes nicht an seine inhaltliche Unverschämtheit heran. Die autoritäre Bestimmtheit, mit der die junge Dame nach der Kontrolle meines (schweineteuren) SBB-Monats-Generalabonnements für Auslandschweizer und andere minderwertige Menschen irgendwas sagte, hatte mich zuvor in guteidgenössisch-uniformgläubiger Weise die Kopfhörer aus den Ohren reissen und freundlich um Wiederholung des Gesagten bitten lassen.
“Das ist auf dieser Strecke nicht gültig”, sagt sie, “Sie müssen dazu noch ein anderes Papier gekriegt haben.” - “Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Ich fahre mit dem Abo seit zwei Wochen zwischen Basel und Zürich hin und her.” -
“Hier stehts drauf”, sagt sie und reicht mir das Ticket, “dass das nicht gültig ist.” - “Wo steht das drauf?”, sage ich, inzwischen leicht verärgert - denn an der Stelle, wo sie mit ihrem Finger hindeutete, lese ich “Inklusive Schweizer Museumspass” - und reiche Ihr das Ticket zurück. “Ach, das ist ja ein GA - ich dachte, es sei ein Provisorisches. Alles in Ordnung” - und dann, wie ich mein Ticket wortlos wieder nehme, kommts: “Sie müssen jetzt nicht mit der Stirn…” siehe oben.
Die SBB müssen wohl das Kapitel “Fehler zugeben, selbstbewusst auftreten” in ihrem Handbuch so ausdeutschen, dass es nicht als “Schlampigkeit mit Unverschämtheit übertünchen” missverstanden werden kann. Auch nicht von Leuten, die - ganz im Durchschnitt der Pisa-Studie - noch nicht mal ein Zugticket durchlesen können.
Ich würde sagen, ich habe jetzt einmal Kondükteur-Beschimpfung ohne Widerrede gut. Der oder die Betroffene möge sich bei der jungen Kollegin aus dem IC 7.07 Basel-Zürich vom Freitag, 21. Dezember 2007, hintere Zughälfte, beklagen.
Kommentare
2 Blurbs to “Transitive Stirntätigkeiten”
Antworten
Naja, wo gehobelt wird, da fallen Späne. Und wer behauptet, noch nie einen Fehler gemacht zu haben, der hat noch nie wirklich gearbeitet.
Über den Preis von umgerechnet rund CHF 25.- pro Tag für die 1. Klasse und den Eintritt in die Schweizer Museen kann man sich natürlich streiten.
Aber wie Du bestimmt weisst, gibt es auch die Möglichkeit, eine Swiss Half Fare Card (ähnlich wie das Halbtax) zu kaufen und dann jeweils ein halbes Billett zu lösen.
Ich beklage mich nicht über Späne, die beim Hobeln fallen. Ich denke bloss, jemand, der grade einem Kunden in den Fuss gehobelt hat, sollte nicht die Unverschämtheit an den Tag legen, dem “Angehobelten” noch ungefragt mitzuteilen, was er mit seiner Stirn tun und lassen darf. Es wäre was anderes, wenn ich - was ich leider, leider nicht getan habe - darauf mit “Sie impertinente Schnepfe” reagiert hätte. Statt dessen habe ich die junge Frau in Zürich kurz angehalten und ihr mitgeteilt, dass schlampige Arbeit kaum dazu berechtigt, sich über den passiv ausgedrückten Ärger der zahlenden Kundschaft zu beklagen. Die Reaktion war ein weiteres freches Lachen - mit der bis dahin vermeidbaren Folge eines Beschwerdebriefs an den SBB-Kundenservice.
Ich beklage mich auch nicht über die Bahnpreise, Andreas - solange ich für die satten Beträge das kriege, was ich erwarte: Eine super Transportleistung (erfüllt) UND eine überaus freundliche oder zumindest überaus korrekte Behandlung durch das Personal (seit Freitag: Aufholbedarf).