Archiv für den Monat: Januar 2007

Besser lesen…

299.JPGImmer mal wieder kriege ich Reaktionen auf einen Text. Das macht Spass, selbst wenn die eine oder andere Anmerkung nicht grade schmeichelhaft ist (ok, kommt auf den Ton an.) Was besseres kann einem Text erfahren, als dass er eine Diskussion ins Rollen bringt?

Der gestern im Tagi erschienene Text über Online-News hat mir einige Mails und Antworten eingebracht – von zustimmend bis hässig.

Unangenehm wirds, wenn aus den Kommentaren hervorgeht, dass jemand entweder den Text nicht richtig gelesen oder verstanden hat – oder, viel, viel schlimmer – wenn ich davon ausgehen muss, dass ich ihn nicht deutlich genug verfasst habe.

In diesem Fall aber meine ich deutlich genug gemacht zu haben, dass ich vom News-Journalismus, und nur davon, rede. Würde mir nicht im Traum einfallen zu behaupten, Journalismus online sei einfalls- oder gar zukunftslos – im Gegenteil.

Aber wenns um Nachrichten geht, also um jene kurzen Schnipsel, die aus aneinandergereihten Antworten auf die sieben W (was, wer, wo, wann, wie, warum – und das letzte hab ich vergessen) bestehen und eine Momentaufnahme des Stadt- /Land- /Welt- /Wirtschafts- /Sportgeschehens liefern sollen, dann hat sich doch bisher auch online wenig wirklich Innovatives getan. Abgesehen davon, dass die News schneller, mehr und allgegenwärtig geworden sind – und ich mir anhand der schieren Masse der Schnipsel immer weniger vorstellen kann, was eigentlich grade wirklich von Bedeutung ist. Natürlich laufen auch hier Experimente der Verlage gleich reihenweise. Aber noch mehr Videokamera-bewaffnete “Bürger-Journalisten”, die mir jeden Autounfall fast schon live servieren, tragen nicht zu meinem Weltverständnis bei (mir reichen die “live”-Berichte der hiesigen lokalen TV-Stationen: Irgend ein “Korrespondent” steht für die 23-Uhr-Nachrichten frierend im Dunkeln auf einer Brücke über dem Freeway 101 in Palo Alto, wo sich abends um sieben ein Unfall ereignet hat…)

Nichts gegen News: Ich will und brauche auch meine tägliche Nachrichtendosis – aber ich bin dankbar für eine Triage. Früher übernahmen dies die Kollegen auf den Redaktionen, die am Dienstpult bis kurz vor Redaktionsschluss die Papierschlangen aus dem Ticker sichten und das halbe Prozent jener Meldungen auswählen mussten, welches aus dem Wust eines ganzen Tages in die Zeitungsspalten passte.

Heute sind die Zeit- genauso wie die Platzgrenzen aufgelöst: Alles kann sofort und in beliebigem Umfang ins Netz gestellt werden. Logischerweise wächst der Druck auf die Redaktionen, genau das zu tun – aber als Konsument fühle ich mich je länger je mehr vom anschwellenden Newsstrom belästigt statt informiert.

Ironischerweise, finde ich, geht es immer mehr Kollegen und Kolleginnen in den Informationsberufen so – sie ziehen analytische Medien mit einem gemächlichen Rhytmus vor, während die bisherige “reine Leserschaft”, befreit vom Diktat der Gatekeeper, sich zu Newsjunkies entwickelt. Ich kenne das Gefühl, ich war selber vor fünfzehn Jahren als Volontär und Spätredaktor jeweils berauscht vom Gefühl, an der Faktenquelle zu sitzen, während mir die Meldungen aus den Tickern entgegenquollen. Um ein Uhr Morgens, nach Rdeaktionsschluss, war der Rausch der völligen Überforderung und einer Gestresstheit gewichen, die mich noch stundenlang nicht schlafen liess.

Dass sich neben dem tempo-getriebenen Nachrichtenjournalismus Online auch eine neue Art von bildhaftem, investigativem, analytischem Journalismus herausbildet, ist selbstredend richtig.

Und diese Texte sind nach wie vor sehr gefragt.

Wer daran zweifelt, soll einen Blick auf die Liste der meistgelesenen Texte aus der New York Times des letzten Jahres werfen (eine Statistik, die notabene nur dank online-Ausgabe möglich ist). Es sind ausnahmslos längere Ratgeber- oder analytische Hintergrundtexte.

Die einzige Frage, die sich jetzt stellt, ist die, an welchem Ende der journalistischen Palette “The Long Tail” zu finden ist: Machen die Kurzberichte und News insgesamt die grosse Masse aus oder sind es die von jeweils weniger Leuten konsumierten, dafür in viel grösserer Zahl vorhandenen langen, aufwändigen Texte?

Für Papierzeitungen spielt diese Frage noch eine Rolle, denn sie unterliegen dem Pareto-Prinzip. Ob sich das Online ändern wird, weil sich jeder Leser die Zeitung selber zusammenstellen kann, wird sich zeigen – vielleicht wollen die Leserinnen sich die Zeitung gar nicht selber zusammenstellen?

Liebe Kommunikationsprofis,
lernt endlich E-Mail!

295.jpgJe nach Quelle hat E-Mail die Schwelle zur Midlife-Crisis längst überschritten, aber auch im Jahr 41 der elektronischen Post kapieren viele sogenannte Kommunikations- Profis noch immer nicht, wie das Instrument zu nutzen ist.

Die Mailschwemme nach der MacWorld, zu der man sich als Pressevertreter mit Textbeispielen, Visitenkarte und Impressums-Ausriss “qualifizieren” musste, hat mich schon geärgert – ich bin nie gefragt worden, ob meine Adresse an die Aussteller der Messe weitergegeben werden darf. Als dann auch noch eine der tollen Softwarefirmen eine Mail verschickte, in welcher die 300 Adressaten allesamt im “To”-Feld der Mail sichtbar waren, habe ich reklamiert: Bei Massenversänden, Himmel nochmal, schreibt man die Adressen schon aus ästhetischen (aber noch viel mehr aus Privacy-) Gründen ins “Blind Carbon Copy”-Feld (BCC).

Eine Woche später bleibt mir angesichts der Einladung zu einer Schweizer Pressekonferenz die Spucke weg:

Die Mail hat keine Betreffzeile (1), führt alle Adressaten im To-Feld öffentlich auf (2), enthält als Attachment ein Word-Dokument (3), das sage und schreibe 1,9 Megabyte schwer ist – wegen unsachgemäss eingebauter Firmenlogos (4).

Vier allergröbste Fehler in einem simplen Einladungsschreiben. In Kommunikationskreisen ist das meiner Ansicht nach ein Kündigungsgrund.

Und für KV-Schüler ein Grund zum Nachsitzen und diesen Text lesen.

Ein Tag ohne Internet

294.jpgEs war grauenvoll. Nicht nur einen, genau genommen zwei Tage dieser Woche habe ich ohne Internet verbracht. Am Montag leuchteten alle LEDs am Kabelmodem gleichzeitig, und ein Anruf bei der Kabelgesellschaft ergab, dass Comcast ein Problem in meinem Quartier habe. Glücklicherweise war ohnehin ein Schreib- und kein Recherchetag angesagt – aber selbst dabei hatte ich Dutzende von Momenten der inneren Fragestellung: Wie haben wir bloss je ohne das Internet gearbeitet? Keine blitzschnelle Überprüfung von Namen, Daten und anderen Fakten, kein Herauskopieren von Links aus dem Browser – keine Information auf Tastendruck. Schrecklich.

Am Dienstag leuchteten die Modem-LEDs immer noch – der Datenverkehr stand vor den grünen Lämpchen still wie der auf den Strassen vor verrückt spielenden roten Ampeln.

Ein weiterer Anruf bei der Kabelgesellschaft ergab, dass der Fehler in meinem Modem liegen musste, und drei Stunden und eine 32-köpfige Warteschlange vor zwei von zehn besetzten Schaltern im Comcast-Büro später kehrte ich mit einer neuen, funktionierenden Datenverkehrszentrale nach Hause zurück.

Wenn wir grad beim Verkehr sind: Wie, um alles in der Welt, haben wir uns vor den Zeiten der GPS-Navigation in der realen Welt zurechtgefunden?

Gemeinderatswahl in Itingen, BL

293.jpgVor wenigen Tagen habe ich Post von der Gemeinde Itingen erhalten. Das ist ein kleines Dorf im Baselbiet, und zufällig der Ort, wo ich aufgewachsen bin. Allerdings habe ich mit der Gemeinde seit bald zwanzig Jahren nichts mehr zu tun.

Ausser, dass ich immer wieder mithelfe, Abstimmungsresultate zu verbessern. Und demnächst den Gemeinderat wähle.

Ich kenne zwar niemanden von den Kandidaten, aber mir wird schon was einfallen.

Wie das alles zustande gekommen ist? Nun, als Auslandschweizer mit der echten helvetischen Rekrutenschule-Mentalität habe ich mich natürlich nach meiner Ankunft in San Francisco brav auf dem Konsulat angemeldet. Dort wollte man wissen, ob ich gerne abstimmen und wählen würde, was ich ebenso pflichtbewusst bejahte. Zu meiner nach wie vor ungebrochenen Verblüffung durfte ich dann frei bestimmen, in welcher Gemeinde des Landes meine Stimme gezählt wird – so denn mein Wahlcouvert jeweils rechtzeitig eintrifft. Statt zur anonymen Stimme in meinen ehemaligen Wohnorten Basel, Bern oder Zürich zu werden, entschied ich mich, in der 1100-Seelen-Gemeinde Itingen meinen Einfluss geltend zu machen – und dachte keine Minute daran, dass dies auch kommunale Abstimmungen betreffen könnte.

Tut es aber offenbar, wenn der Versand der Gemeinderatsunterlagen kein Fehler der Verwaltung war.

Ziemlich absurd kommt mir das deshalb vor, weil wohl auch in Itingen zweifellos Dutzende von “Ausländern” leben und Steuern zahlen, die aber im Gegensatz zu mir keinerlei Mitbestimmungsrechte haben. Eine Groteske – in beiden Richtungen.

Spannend daran finde ich, dass die gleiche Partei, die vehement gegen jede Mitsprache der “Ausländer” in der Schweiz ist, sich immer wieder für die Auslandschweizer (die “Fünfte Schweiz”…) einsetzt, wohl im Glauben, dass alle, die da draussen bei den Wilden leben, umso rigiroser für die Abriegelung der Schweiz eintreten.

Zumindest in einem von sechshundertausend Fällen trifft das keineswegs zu.

Ob ich wohl von San Francisco aus eine Initiative für das Ausländerstimmrecht in der Gemeinde Itingen lancieren kann? Wär einen Versuch wert…

Warten auf die Möbel

292.jpgDas Schweizer Radio DRS hat ab sofort wieder einen Korrespondenten in San Francisco: Auf Neujahr sind Max und Eli Akermann am Golden Gate angekommen. Die beiden haben eine wunderschöne Wohnung mitten im ehemaligen Hippie-Quartier Haight-Ashbury gefunden – nur steht das Schmuckstück wahrscheinlich noch einige Tage lang leer: Der Container mit dem hausrat der Akermanns, obwohl seit zwei Monaten unterwegs, ist vom Zoll noch nicht freigegeben worden.

Ich freue mich über die neuen helvetischen Nachbarn und über die Gelegenheit, vieles von der Hilfestellung, die ich selber bei meiner Ankunft von Freunden und bekannten erhalten habe, nun meinerseits bieten zu können.

Und natürlich beneide ich sie um ihren Palast mit den hohen Räumen, dem Parkettboden, um den viktorianischen Stuck an den Decken und die beiden Gas-Cheminées, von denen sie eines vielleicht sogar in Betrieb nehmen dürfen… Andrerseits bin ich dankbar zu einer Zeit hierhergekommen zu sein, als die Mieten exorbitant, aber noch nicht völlig irrsinnig waren.

Sonnig und warm, leicht geschüttelt

291.jpgInzwischen mache ich bereits meinen dritten Winter durch in San Francisco – und finde es schon scheusslich kalt, wenn die Temperaturen mal unter 15 Grad fallen (im Sommer finde ichs ja auch schon fast als unangenehm warm, wenn sie denn mal deutlich über 18 Grad steigen).

Aber das neue Jahr hat hier dennoch erfreulich angefangen: Mit Windstille, Sonnenschein und fast ohne Nebel. An Ocean Beach friert man sich erst nach rund einer Stunde die Finger ab.

Ich könnte mich an das Klima gewöhnen – wenn die Erdbeben nicht wären…