Noch ein persönliches Feedback zum Harddisk-Artikel, der am Montag im Tagi erschienen ist: Eine Leserin wirft mir nicht ganz zu unrecht vor, die Szene mit der Sekretärin, die sich aus technischen Gründen inmitten aller Ingenieure ihrer Strumpfhose entledigt (Details im Text) sei ein voyeuristischer Einstieg. Das ist richtig, aber der Trick, Sie in ein technisches Thema rein zu ziehen, hat doch funktioniert – oder nicht?
Journalismus ist ein Handwerk. Ich bin nicht glücklich darüber, dass ob all der «Teaser» in der Medienlandschaft Inhalte immer öfter mit derlei Techniken «verkauft» werden wollen. Aber eine gute Geschichte ist eine gute Geschichte, und wenn die Historie einer derart wichtigen Erfindung wie der Harddisk sich mit so vielen schönen Anekdoten illustrieren und sich damit ein paar zusätzliche Leute für das zentrale Thema interessieren lassen, dann wäre es verfehlt, den alten Kniff (ein knackiges Zitat macht IMMER einen guten Einstieg – das gilt wohl auch für Voyeurismus) nicht anzuwenden.
Zentraler Punkt des Artikels ist, dass unsere unverzichtbare Speichertechnologie aus den Fünfzigerjahren stammt und unter Umständen entstanden ist, die wir heute belächeln – obwohl die mittlerweile zu Tausenden forschenden Spezialisten in den hochmodernen Labors noch nichts Effizienteres gefunden haben.
Allerdings macht mir die Leserin auch mehr zum Vorwurf, dass ich die junge Dame, deren Strip (der keinerlei Tease war) einen wichtigen Beitrag zu dieser monumentalen Erfindung darstellte, nicht namentlich würdige. Tatsächlich ist mir genau dieser Gedanke beim Verfassen des Artikels auch durch den Kopf gegangen, aber leider fehlte die Zeit für die kleine Zusatzrecherche.
Etwas pikiert hat mich dann allerdings die Frage, woher ich die Details der geschilderten Anekdoten kenne, wo doch in den einschlägigen Dokumenten im Web nichts dergleichen zu finden sei.
Allen handwerklichen Tricks zu Trotz: Ich halte die unmittelbare Recherche, den Blick auf die Originalschauplätze als Stellvertreter der Leserschaft und das Gespräch mit Zeugen für die absolut unersetzliche Grundlage meiner Arbeit. Sie sind ausserdem das grossartige Privileg dieses Berufes, der mir erlaubt, meine Nase in Dinge zu stecken und mich mit Leuten zu unterhalten, mit denen ich ansonsten nicht in Kontakt käme. Ich wage zu behaupten, dass diese Nähe zum Thema – oder ihr Mangel – jedem Text anzuspüren ist.
Genau deswegen wird dieser Beruf sich allen aktuellen Trends und der unseligen Gleichsetzung mit «News» zum Trotz allenfalls wandeln, aber er wird nicht obsolet. Seelenlose Texte, Filme oder Audiodateien vermögen uns die wahre Welt genauso wenig nahe zu bringen wie Excel-Tabellen und statistische Kurven.
Die Anekdoten über das Entwicklerteam des RAMAC habe ich direkt von Bill Crooks, dem zweiten Ingenieur, den Johnson beim Aufbau seines Teams 1952 angestellt hatte. Er ist heute 82 Jahre alt und ein wunderbarer Erzähler. Hätte das Gespräch nicht unmittelbar vor einer grösseren Reise stattfinden müssen, ich wäre unbedingt die 200 Meilen der kalifornischen Küste entlang rauf gefahren in die Nähe von Mendocino, wo er heute lebt, unerstattete Autospesen hin oder her: Solche Gesprächspartner persönlich zu besuchen ist kein Luxus, sondern Verpflichtung – denn sie sind ein Teil der Geschichte. Hätte ich diese Verpflichtung erfüllt, ich wüsste heute auch den Namen der Sekretärin.
Aber vielleicht erfahre ich ihn noch. Denn ich habe Crooks versprochen, ihn gelegentlich zu besuchen. Er hat mich gebeten, bei dieser Gelegenheit den Tagi-Artikel mitzubringen – Email und das Internet benutze er nur selten: «Das alles nimmt mir die Zeit weg, und ich habe besseres zu tun. Gestern zum Beispiel sass ich den ganzen Tag am Strand und habe den Pelikanen zugeschaut, die vorbeigeglitten sind. Es waren 146, die meisten davon in perfekten V-Formationen.»