Sep
21
Risiko und Sicherheit
Filed Under Allgemein
Angst funktioniert gut in den USA. Die Medikamentenwerbung am TV zum Beispiel steigert meine hypochondrischen Neigungen im Rythmus der Spot-Unterbrechungen. Und die Newssendungen der lokalen Stationen tun das ihre, um den Amerikanern zu verdeutlichen, dass ihnen neben Heerscharen islamistischer Terroristen auch Milliarden von Moskitos mit West-Nile-Virus und Millionen von Spinatköpfen mit E-Coli-Bakterien nach dem Leben trachten.
Dass für die Sterblichkeit junger Menschen neben Autounfällen zumindest hier in San Francisco und den beiden Nachbarstädten Oakland und Richmond ennet der Bucht vor allem Mord und Totschlag verantwortlich sind, gerät dabei ein bisschen ausser acht. An Schiessereien in West Oakland, Verfolgungsjagden mit anschliessendem Meuchelmord eines Prozesszeugen in den Strassen San Franciscos, Messerstechereien auf einem Schulgelände oder Drive-By-Shootings in der Innenstadt haben sich die Bewohner der Bay Area offenbar sosehr gewöhnt wie an das Risiko eines schweren Erdbebens, das mit 62 Prozent Wahrscheinlichkeit in den nächsten zehn Jahren zu erwarten ist. Allein am vergangenen Wochenende waren ein halbes Dutzend Opfer zu beklagen.
Dabei bedroht die Gewalt keineswegs nur Gangmiglieder. Im ärmlichen West Oakland und in Richmond, wo 2005 wegen der ständigen Gewalt beinahe der Ausnahmezustand verhängt worden wäre, haben sich friedliebende Einwohner längst freiwillig eine Ausgangssperre nach Dunkelheit auferlegt. Trotzdem werden immer wieder unbeteiligte Passanten erschossen – nicht nur in den Ghettos der Sozialbausiedlungen. Der junge Mann, der am Freitag zwei Blocks von meinem Haus erstochen wurde, liess sein Leben aufgrund eines Streits um einen Parkplatz.
Jetzt reagiert die Stadt Oakland – auf die typisch kalifornische Weise. In den notorisch gewaltverseuchten Quartieren hat die Polizei ein Netz von Mikrofonen aufgestellt. Ein zentraler Computer erkennt anhand der registrierten Schüsse nicht nur die Waffengattung, sondern berechnet auch den Ort der Schiesserei und schickt automatisch Streifenwagen zum Ort des Geschehens.
Zugleich wird grade die gesamte Spinaternte Kaliforniens vernichtet, und in den Strassen einiger Städte an der südlichen Bay versprayen die Behörden vierzehntäglich nächtens Hundertausende von Tonnen Insektizid gegen die West-Nile-Moskitos.
Bloss gegen Erdbeben gibt’s noch keine Pillen.
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