Archiv für den Monat: August 2006

Es gibt mutige Journalisten am US-TV

255.jpgMSNBC ist nicht gerade der politlastigste Sender im amerikanischen Kabelfernsehen, aber hin und wieder verblüfft die Station mit mutigen Kommentaren.

Ich möchte auf den jüngsten hinweisen, weil ich aus der Schweiz nur zu oft höre, in den USA seien alle gleichgeschaltet und es gebe keine kritischen Medien. Es gibt sie nicht nur (das öffentliche Fernsehen PBS hat ebenso hochqualitative Sendungen wie der öffentliche Rundfunk NPR), sondern auch die lauwarmen Mainstreamer – von Murdochs unheimlichen Propagandamaschinen wie Fox News mal abgesehen – tun sich bisweilen mit kritischen Zwischenrufen hervor, die angesichts des Kommerzialisierungsgrads dieser Nation als mutig bezeichnet werden müssen.

Auf dem leider nicht sonderlich stark beachtetn MSNBC ist es häufig der ehemalige Sportreporter Keith Olberman, der in seiner einstündigen News-Analyse am Abend mehr als deutliche Worte spricht.

Gestern hat er es in einem vielbeachteten und äusserst engagierten Kommentar mit Verteidigungsminister Donald Rumsfeld aufgenommen, der in einer Rede in Utah zuvor die politische Linke als Faschisten beschimpfte, die nicht auf ihn hören wollten – oder so ähnlich.

Wer ein Stück zeitgenössischen TV-Journalismus der USA sehen will, das mit den besten Momenten (Murrow vs McCarthy) beinahe mithalten kann, findet Olbermans Kommentar als Video und als Transkript hier.

Die Zutaten und die Anleitung zum Startup

254.jpgDas funktioniert immer wieder: Magazine lieben einfache Rezepte und Recherche-Material, was man in Diagramme stecken kann. Ausserdem herrscht in den Verlagshäusern immer noch ein fester Glaube an den «Leserservice». Das Resultat sind häufig solche schematische Anleitungen, wie man ein Startup / eine Airline /ein Hilfswerk oder ein Gartencheminée baut.

Das hier aus der neusten Ausgabe von Wired trifft den Nagel auf den Kopf. Wer ein Internet-Startup findet, das nicht in das Schema passt, möge bitte sofort einen Kommentar posten.

Weniger Schemata und bestimmt keine einfachen Darstellungen sind von diesem Blog über die Wandmalereien in der Klosterkirche von Müstair zu erwarten. Warum ich das jetzt schon weiss? Weil ich in inmitten der Recherchenotizen, Bücherstapel, Reisen zu handschriften-Bibliotheken in ganz Europa und dem Leiden, das verlorene Fussnoten verursachen, aufgewachsen bin. Ich freue mich auf die kommenden Einträge – endlich kann ich nachlesen, worum es da jeweils in den Diskussionen am Mittagstisch ging…

Wohnung & Auto in San Francisco zu vermieten

253.JPGEs ist wieder so weit: Anfangs Oktober sind in der Schweiz Herbstferien und alle wollen San Francisco besuchen. Leider sind dann die Hotels am teuersten, weil dies die schönste Jahreszeit ist (diesmal gilts. Wer konnte denn erwarten, dass es hier den ganzen April lang giesst?).

Hier naht die Lösung: Meine schnuckeligen zwei Zimmer mit Küche, Bad und Balkon (aka Feuerleiter) stehen vom 28 September bis 14 Oktober zur Verfügung, ebenso mein alter, verbeulter Golf (mit beschränkten Meilen – soll niemand glauben, er könne in dem Ding nach Vegas und zurück – ok, auch das geht, aber dann kostets mehr).

Also, die ganze Chose steht für lächerliche 800 Franken zur Verfügung. Inklusive Queensize Bett, Klappsofa (ebenfalls Queen) im Wohnzimmer, Kabelfernsehen, PC mit Highspeed-Internet, Router, Funknetzwerk, Espressomaschine und einem (1) Mountainbike.

Alles wie immer an bester Lage im ausgesprochen ruhigen Inner Richmond, 10 Minuten per Bus in die Stadt runter (oder eben mit dem Auto – Parkbussen gehen zu Euren Lasten).

Wer zuletzt kommt, den bestraft das Leben. Email an “wohnung AT swissreporter.ch” (das AT ist ein Klammeraff und vorne und hinten sollte kein Leerzeichen stehen) und wir besprechen den Rest.

Flüge gibts hier.

Englischer Tagi

251.jpgDer Tagi auf Englisch. Oder vielmehr das, was aus Deutsch wird, wenn man es Google anvertraut für eine Übersetzung. Das tue ich natürlich meinen eigenen texten nicht an, aber die Jungs von lala.com wollten die geschichte lesen und haben sie durch den Google-Übersetzer gejagt. Man kann den Inhalt zwar erahnen, aber Lorbeeren verdiene ich damit bei meinen «Opfern »doch eher nicht…

Google Talk endlich mit Dateiversand

249.jpg…jetzt fehlt hier eigentlich nur noch die Videofunktion. Die Telefonqualität von Google Talk ist besser als Skype, die Videofunktion im Windows Messenger ist besser als die von Skype, aber Skype ist als Kommunikationszentrale bisher der beste IM-Dienst. Deswegen brauche ich alle drei…

Nett ist bei Google Talk die Vorschau auf Bilder, die das Gegenüber sendet: Die fliesst in ziemlich ansehlicher Grösse einfach ins Client-Fenster hinein.

VOIP: Lebensgefährlich

248.jpg«Nein, das ist wirklich keine gute Sache», sagt die Kundendienst- Mitarbeiterin und runzelt bedenklich die Stirn, während sie zugleich weiterhin so freundlich lächelt und Auskunft gibt, wie es nur in der Werbung vorkommt. «Wenn der Strom ausfällt, können Sie mit dem Internet-Telefonieanschluss nicht mehr telefoniern und keine Notrufe absetzen. Mit unserem Festnetz-Anschluss geht das auch dann» (sofern sie kein Funktelefon benutzen, bemerkt ganz nebenbei die kleingedruckte Schrift am untern Bildschirmrand).

Endlich! Die Telefongesellschaften haben ein Argument gegen Voice over Internet gefunden. Respektive, das werden irgendwelche hochbezahlten sogenannten PR-Agenturen gefunden haben. Und obwohl es kaum wirklich stichhaltig ist – die Angstmach- Tour funktioniert in den USA immer hervorragend.

Erstaunlich ist in diesem Zusammenhang, wie sogenannte «Public Relations» zu wahren Feldzügen in der Landschaft der öffentlichen Meinung mutieren. Die Agenturen, die mit Kreativität und wissenschaftlichen Methoden den besten Angriffspunkt ausfindig machen, um die Haltung ihres Auftraggebers in die Köpfe zu drücken: Telefon via Interent ist gefährlich! Dieses geheimnsvolle Gerät wird die Städte revolutionieren! Gentech-Gegner wollen kranken Kindern die Medikamente vorenthalten! Elektrische Autos verfügen nicht über genügend Reichweite!

Es ist die Fortsetzung der Werbung mit andern Mitteln. Aus Atomkraft wird Kernenergie, aus Gentechnik Biotech (wie in Biosalat), aus Musik-kopierenden Teenagern werden Piraten. Oder aber aus Voice over IP wird, im Falle der Kabelfirma Comcast, «digitale Telefonie», was die Telefonfirma At&T im oben zitierten Werbespot hämisch kontert: «Dabei reden sie einfach durchs Internet.»

Worte und Wörter machens aus. Und während die Burson Marstellers dieser Welt das «Wording» nach detaillierten Analysen punktgenau festlegen und tagtäglich als Instrument oder Waffe für (meistens allerdings gegen) eine Sache einsetzen, denken wir Journalisten über die Begriffe, die uns da untergejubelt werden, viel zu wenig nach.

Manchmal gehts dann aber auch in die andere Richtung – wenn Google sich beispielsweise plötzlich gegen die offizielle Anerkennung von «googeln» als Verb wehrt. Interessanter Schnipsel dazu in Jan Hodels lesenswertem Blog.

«Wie die Europäer»

247.jpgDiesen Eintrag widme ich Pierre Strub, der einst Autos designen wollte, vor dem Studium ein Jahr lang als Mech in einer Werkstatt praktizierte (und dort als «Der Grüne» vieles durchmachen musste) und heute als Umwelt-Investitionsexperte viel über die Thematik weiss (und ausserdem heute vierzig wird, der arme – ich warte noch ein bisschen).

Der kleine Film hier befasst sich mit der Frage, was aus dem Elektro-Auto geworden ist. Nicht nur sollen vor hundert Jahren mehr elektrische als Bezinautos in den USA rumgefahren sein, bis vor ein paar Jahren waren auch die schnittigen EV1 von General Motors auf Kaliforniens Highways anzutreffen.

Erinnert sich noch irgendwer an die Revolution, die das kalifornische Gesetz bedeutet hatte, wonach binnen zehn jahren zehn Prozent Null-Emissions-Fahrzeuge auf den Strassen sein sollten? Es wurde beerdigt. Ebenso wie rund hundert EV1, die GM nicht verkauft, sondern nur verleast hatte und den Fahrern (darunter Mel Gibson, der dummerweise grade jetzt Schlagzeilen als betrunkener Raser macht) buchstäblich entreissen musste.

Andi hat den Plot des Films zusammengefasst, lest dort nach oder guckt Euch den Trailer auf der Webseite an.

Uns hat vor allem ein Zitat des Journalisten Paul Roberts («The End Of Oil») königlich amüsiert: Zum Tode des EV1 hat erwiesenermassen auch die weniger als ernsthafte Public-Relations-Kampagne von GM beigetragen, die es geradezu vermieden habe, das Auto als sexy, stylish und hip zu vermarkten: Man könne den Amerikanern sowas nicht verkaufen, ohne auf die Alltagstauglichkeit nach ihren Standards zu verweisen, sagt Roberts im Film sinngemäss. Beim Stichwort Umwelt und Energie «fürchten sie sofort, sie müssten in winzigen Autos rumfahren und ihre Häuser unbeheizt belassen – also ungefähr so leben wie die Europäer…»

youtube – digg – FAME

246.jpgDieses erstaunliche Video haben wahrscheinlich alle schon gesehen – es ist vergangene Woche zuerst auf der site Atmfilms.com aufgetaucht, dann von irgendeinem Gauner auf Youtube transferiert wurden und dort via digg.com schliesslich in die Blogosphäre katapultiert worden.

Das ist es, was ich spannend, aber auch erschreckend finde. «Sehenswert», heisst es irgendwoe in einem Blog, und der Link zeigt auf Youtube. «Ein Mädchen hat drei Jahre lang jeden Tag ein Bild von sich gemacht», heisst es dort als Beschreibung des Files: Näheres über die Künstlerin ist nicht vermerkt – schlimmer noch: Der Abspann, in dem die ganzen Angaben inklusive der Webseite von Ahree Lee zu finden wären, ist weggekürzt.

Mit einigem Aufwand habe ich sie dann doch gefunden. Und jetzt würde mich interessieren, was sie darüber denkt, die den Kurzfilm bereits an zahlreichen Filmfestivals in den USA gezeigt hat (und übrigens so einige andere spannende Projekte auf ihrer Webseite vorstellt), dass Ihre Arbeit mit einem einzigen kleinen Upload auf Atomfilms binnen Tagen weltberühmt, aber zugleich von allen Informationen über die Schöpferin, die Aussage, den Hintergrund entblösst wird.

Erwartungsgemäss lebt die Dame mit Yale-Abschluss in der kreativsten Stadt der Welt – San Francisco.

Ich habe Ahree um ein Gespräch gebeten, aber noch keine Antwort gekriegt.

Diskriminierte Polizisten

Ich halte Gegenrecht: Gestern bin ich Andi mit einer länglichen Abhandlung über die den faulen Zauber der Journaille im Sommerloch zuvor gekommen, weshalb er einfach auf meinen Blog verwiesen hat.

Heute hat er dafür die gnadenlos brauchbare Lokal-Rubrik «Chronicle Watch» unter die Lupe genommen, die ich seit meiner Ankunft in San Francisco den Kollegen von der Lokalpresse in der Schweiz als Anregung vorstellen wollte. Also auf Jacoblök lesen!

Ich habe heute aber noch eine andere bemerkenswerte Meldung im Chronicle gefunden. Vor einem halben Jahr sind hier 18 Polizisten von der Stadt diszipliniert worden, weil sie ein ziemlich dümmliches, mit sexistischen und rassistischen Anspielungen durchzogenes Video gedreht und verbreitet hatten. Jetzt versuchen sie, das Blatt zu wenden: Heute wurde bekannt, dass die 18 die Stadt auf 20 Millionen Schadenersatz verklagen, weil vier beteiligte chinesisch-amerikanische Cops von den Strafmassnahmen verschont worden seien. Klagebegründung: Rassistische Diskriminierung gegen die übrigen 18…

Die kleine Währung

360.jpgJe länger je mehr halte ich die fünf-Franken-Note für eine gute Idee – heute bin ich beim Aufräumen auf eine kleine Dose mit meinen letzten Schweizer Franken inklusive dem klobigen Fünfliber gestossen.

Sowas kennen die Amerikaner nicht. Münzen gibts zwar, und einige davon sind fast so gross und schwer wie ein Fünfrankenstück. Als mir das erste mal jemand so einen riesen Dollar in die Finger drückte, glaubte ich aber, es mit einer Fälschung zu tun zu haben. In zwei Jahren habe ich grade mal drei davon gesehen. Die Währung im Alltag sind Zwanzig- und Eindollar-Scheine. Fünfer brauchen nur Raucher für Zigaretten, Zehner sind selten, und Hunderter sind schwierig an den Mann zu bringen – die lohnt es sich zu fälschen, deshalb will sie keiner mehr.

Das Hartgeld wiederum hat einen völlig anderen Zweck als bei uns. US-Portemonniaes haben kein Münzfach: Die Pennies, Nickels und Dimes (ein-, fünf- und zehn- Cent-Stücke) behält man in der einen Hosentasche und gibt sie dem nächsten Obdachlosen: Das ist so eine Art Alltags-Fürsorgesteuer. Geizige Leute wie ich sammeln sie in Beuteln oder Gläsern zu Hause und marschieren einmal im jahr zu einem der Coin-Sortierautomaten in den Supermärkten, die gegen eine Wucher-Gebühr von 10 Prozent die fünf Kilo Münzen schlucken und einen oder zwei Zwanziger ausspucken.

Und dann gibt es die Quarter- Dollars, 25- Cent- Münzen, und die sind überlebenswichtig und werden in der andern Hosentasche gesammelt. Man braucht sie zum Waschen in den Salons, für die allgegenwärtigen Parkingmeter und für den Bus, dessen Kasse neben dem Fahrer hier in San Francisco nur das genau abgezählte Geld schluckt. Überhaupt sind Quarters die Token, die so manche Türe öffnen – wer keine in der Tasche hat, steht in San Francisco auch vor verschlossenen Toilettentüren. Vielleicht ist das der Grund, weshalb die Obdachlosen die öffentlichen Luxus- WCs nicht benutzen: Sie kriegen zwar all das Kleingeld der Passanten. Aber Quarters sind nie darunter.