Archiv für den Monat: April 2006

Ankunft und Abschied

106.JPGSo. Mein Begleiter auf dem ein Dutzend Blogeinträgen zum Trotz unbeschreiblichen Motorrad-Trip, Pierre Strub, ist bereits wieder in der Schweiz, und für mich hat das, was ich hier Alltag nenne, wieder angefangen. Wenigstens scheine ich aus dem Osten der USA nicht nur einen Haufen toller Erinnerungen mitgebracht zu haben, sondern auch das sonnige Wetter und die Wärme: San Francisco erlebt nach sieben Wochen fast unterbruchlosen Dauerregens erstmals eine Woche Sonnenschein und Temperaturen über 20 Grad.

Das macht das Heimkommen und die Rückkehr zur Arbeit auch nicht unbedingt einfacher.

PS: Ich arbeite an einer etwas umfangreicheren Bildersammlung des Trips, die demnächst unter “Panorama” abgerufen werden kann.

PPS: Allen, die uns treu begleitet und hin und wieder sogar ermuntert haben, herzlichen Dank. Es hat auch Spass gemacht zu wissen, dass gelegentlich jemand die tippfehlerstrotzenden Einträge und die verstümmelten Fotos zu würdigen weiss, die meistens über irgendeinen geklauten Internetzugang per Wifi spätnachts ins Netz geflossen sind – während Pierre schon lange ins Kissen horchte.

4104,6 Meilen oder 6607,3 Kilometer

105.JPGKalifornien hat seine Drohung wahrgemacht – am letzten Tag hats uns verregnet. Aber wir sind abends in San Francisco eingefahren, mit etwas mehr als 4100 Meilen mehr auf den Tachometern.

Und jetzt sind wir einfach nur müde. das grosse Fazit kommt deswegen später.

Gummiabrieb

104.jpgDa fahren wir 3825 Meilen oder 6155 Kilometer quer durch die USA – nur um ausgerechnet im sonnigen Kalifornien die tiefsten Temperaturen überhaupt anzutreffen: Acht Grad Celsius herrschen hier in Pismo Beach, rund 400 Kilometer vor unserem Ziel San Francisco, und angeblich solls morgen regnen – wir hatten bisher in zwei Wochen Fahrt keinen einzigen Schlechtwettertag.

Aber das ist nicht der einzige Kälteschock, den wir heute erfahren haben. Nach einer gemütlichen Tasse Kaffee auf Scheuris Terrasse hoch über Hollywood sind wir auf dem Sunset Strip rausgefahren durch Beverly Hills, an Bel Air vorbei nach Santa Monica und weiter nach Malibu. Dort hat mich Pierre irgendwann überholt, und mir fiel der bauchige Hinterreifen seiner K75 auf – eine Pneupanne!

Ich hab sowas in 22 Jahren Motorradfahrt nie erlebt, obwohl in Töfffahrerkreisen vor allem hier in Kalifornien häufig davon die Rede ist. Vor dem Abflug aus San Francisco hatte ich die Anschaffung eines Pneu-Flick-Kits ins Auge gefasst, es dann aber vergessen. Die neue Maschine allerdings, die ich in New Jersey bei Walti abgeholt habe,ist nicht nur mit einer Warnblinkanlage ausgestattet, sondern hatte im Heckbürzel auch ein Flickset integriert: Ahle, Gummistopfen, CO2-Patronen.

Nur konnten wir auf dem Pannenstreifen in Malibu das Loch im Pneu nicht ausmachen. Ein Handy-Anruf beim amerikanischen Automobilclub, dessen Mitglied ich bin, ergab lediglich, dass ich keine Motorradversicherung habe und die Bergung der Maschine durch einen Abschleppservice deswegen voll zu meinen Lasten ginge. Wir entschieden uns deswegen zunächst für einen Versuch mit den Selbstheil-Pneusprays, dies an jeder Tankstelle zu kaufen gibt (NOT FOR MOTORCYCLES), wählten die nächstliegende Gasstation im GPS und fuhren auf meiner Maschine hin. Eine halbe Stunde später erwies sich der Spray am Pannenfahrzeug aber als zu dünnflüssig: Die klebrige weisse Sosse sprudelte durch das Pneuventil in den Reifen und an den Felgenwülsten und an einer Stelle der Lauffläche gleich wieder ins Freie.

Wenigstens war damit das Loch gefunden, und einige Minuten später war der Schaden dank des praktischen und gut erklärten Flickzeugs von BMW behoben, auch wenn die drei CO2-Patronen den Reifen nicht auf Betriebsdruck zu bringen vermochten.

Das ganze Erlebnis hat uns einen halben Tag gekostet und die Aussage bestätigt, wonach die Amerikaner in den Südstaaten vielleicht Landeier, aber weitaus freundlicher sind als die Küstenbewohner.

Jedes einzelne Mal nämlich, und ich meine: JEDES Mal, wenn wir auf unserem Trip irgendwo am Strassenrand anhielten, nahm mindestens ein Autofahrer dies zum Anlass, um ebenfalls zu stoppen und sich zu erkundigen, ob wir Hilfe bräuchten. Ein paar Mal hatten freundliche Zeitgenossen sogar gewendet, und als ich mich in Tennessee vor meinem Moped bäuchlings auf die Strasse gelegt hatte, um ein plattgefahrenes Gürteltier zu fotografieren, brachte einer sein Auto mit rauchenden Pneus zum Halten.

Aber hier, am Ortsausgang von Malibu, stand meine Maschine mit eingeschalteter Warnblinkanlage hundert Meter vor der defekten K75 auf dem Pannenstreifen; Zwei Motorradfahrer knieten neben einem offensichtlich beschädigten Fahrzeug, und während gut zwei Stunden hielt kein einziger Automobilist an. Kaum einer wechselte auch nur die Spur, um an uns vorbeizupreschen.

Trotzdem bin ich dankbar, dass uns dieses kleine Abenteuer am zweitletzten Tag unmittelbar bei einer grösseren Ortschaft und nicht irgendwo in der Mojave ereilt hat, auch wenn dort die Autofahrer angehalten hätten.

Trotz der Kälte – der emotionalen wie der meteorologischen – haben wir diesen zweiten Tag in Kalifornien danach genossen. Die Fahrt auf dem Highway 1 entlang der Küste und durch die für einmal knallgrünen Hügel in eine durch Nebelschwaden und Wolken dramatisierte Szenerie wurde in der Dämmerung langsam zu einer zuckerwatteweichen Achterbahnfahrt der schönsten Sorte. Mit einem Hotelzimmer direkt am Strand (jawohl Bruder, genau dort, sogar im gleichen Zimmer) haben wir uns für die Strapazen des Tages belohnt. Morgen kehre ich nach Hause zurück, während Pierre eine weitere Ladung einzigartiger Eindrücke in seinen übersprüdelnden Erinnerungstopf gespült kriegt. Ein bisschen Wehmut hat mich deshalb schon gestern überfallen: Während mein Begleiter weiterhin in Fremdartigkeit, Überraschungen und Entdeckungen schwelgt, hat für mich mit der Ankunft in Los Angeles die Agonie des Abenteuergefühls begonnen.

An der kalten Küste

103.jpgDie beste Beschreibung, die mir für die Fahrt aus dem Dreieck Arizona/Nevada/Kalifornien nach Westen und in Richtung Los Angeles einfallen würde, ist eine Querung mehrerer Mondkrater mit Gebüsch: Die Mojave-Wüste breitet sich links und rechts von der Interstate 40 bis zum von zackigen, ausserirdisch anmutenden Hügelketten gesäumten Horizont aus. Die Kilometer langen Doppelstock-Containerzüge sehen in dieser Hochebene aus wie eine langweilige Modelleisenbahn.

Aber gleich neben der Strasse gibts im Sand und Gebüsch einiges zu sehen, wenn man sich die Zeit nimmt anzuhalten (oder vor der Abfahrt den Tank nicht gefüllt hat und mitten in der Wüste liegenbleibt. Nicht, dass uns das passiert wäre). Dieser prächtige Vogel hier war gar nicht erfreut, dass sich ein vermummter Mensch seinem Strommast mit dem darauf gebauten Horst nähert, und seine Schreie liessen mich auf den nötigen Abstand gehen.

Nach dem Verkehrsknotenpunkt Barstow an der Kante der Wüstenebene, wo sich die Bahnlinien, die Route 66, die Interstate aus Arizona und jene aus Las Vegas zum gemeinsamen Transportkanal in den Moloch Los Angeles vereinigen, stürzte sich nicht nur die Strasse hinab in die dichtbesiedelte Küstenregion, sondern auch die Temperatur: Kaliforniens Image hat erheblichen Schaden genommen, als wir unterwegs anhalten mussten, um uns wärmer zu verpacken.

Aber bald schon wussten wir, dass es nicht mehr weit sein kann zu Christian Scheurer und seiner Frau Laura in Hollywood. Auch wenn die äusseren Stadtteile andere Namen tragen, der aggressive Fahrstil der Automobilisten auf den Autobahnen hier entlarvt sie als Teil der stressig-geschäftigen Riesenstadt.

Heute gehts weiter, je nach Wetter entlang der Küste oder auf dem Highway 101. Falls uns der Regen noch vor San Francisco erwischt, ist das eine Premiere: Bisher hatten wir in zwei Wochen Fahrt fast ausschliesslich Sonne und angenehme Temperaturen.

Die echte Route 66

102.jpgErstaunlicherweise haben uns die Muskeln heute nicht so geschmerzt, dass wir nicht mehr hätten Töffahren können. Gestern abend sind wir nach der Heimkehr in die Lodge rund 12 Stunden nach dem Aufbruch zur Wanderung nur noch in die Betten gefallen, aber heute Morgen wurden wir wiederum kurz vor sechs von den Sonnenaufgang-Spaziergängern geweckt, und einen Moment spielte ich mit dem Gedanken, auch zur Rim zu spazieren (bis ich auf meinen Füssen mit all ihren Blasen stand).

Wir haben die Lodge verlassen und einen letzten Abstecher an einen der Aussichtspunkte gemacht, wo wir einen Teil unserer Wanderroute überblicken konnten (siehe Bild im Eintrag von gestern – mangels Internet-Zugriff erst heute aufgeschaltet). Irgendwie kamen mir all die andern Ausflügler am Geländer zum Canyon wie Profiteure vor, die den Blick in den Canyon nicht verdienten, weil sie nicht gelitten haben wie wir…

Unsere Tagesreise führte zunächst aus dem Park direkt nach Süden Richtung Flagstaff zurück, durch Touristenstädte von Kommerz-Hotels und Helikopterlandeplätzen ausserhalb des Nationalparks. Zurück auf der Interstate 40 fuhren wir einige Meilen nach Westen, bevor wir auf einen Abschnitt der alten Route 66 abzweigten, der in einem langen Bogen nach Norden ausserhalb der Schnellstrasse entlangführt – neben den Bahngeleisen. Hier hatte ich endlich Gelegenheit, einen der grandiosen Züge zu fotografieren, die ich schon seit Santa Fe ablichten wollte: Gezogen von vier oder fünf monströsen Dieselloks, bestehen die meisten der kilometerlangen Tatzelwürmer aus Tieflade-Waggons mit jeweils zwei aufeinandergestapelten Containern. Mein Modell-Zug hatte zwar nur drei Loks und normale Güterwaggons. Trotzdem raste ich ihm auf der Strasse voraus, stellte die BMW an einem Hügel ab und rannte den Berg hoch – zwei Hasen in Panik vor mir, meine geplagten Schenkel schreiend vor Schmerz – und wurde mit einem anhaltenden Hupen des Lokführers belohnt, der mich wohl hinter dem Kaktus am Berghang entdeckt hatte.

Gegen Abend entschieden wir, nicht auf der I40 weiterzufahren, die unsere Route 66 kurz vor der Grenze zu Kalifornien wieder kreuzte. Das Tal, durch das die Strecke zuvor geführt hatte – Valle Vista – war zu schön gewesen, und unsere Entscheidung, zunächst auf der 93 Richtung Las Vegas und dann auf der 68 nach Westen Richtung Bullhead City zu fahren, war goldrichtig: Die Querung des “Golden Valley” vor dem Tal des Colorado war sensationell, und die Fahrt hinunter zum Grenzfluss auf 200 Metern über Meer liess uns auch heute wieder mindestens 1000 Höhenmeter bewältigen, wenn auch auf anderem Weg.

Am Fluss unten begrüsste uns eine Stadt voller Spielcasinos – jenseits des Colorado: Laughlin, die Schwesterstadt von Bullhead City, liegt in Nevada, dem Glückspielstaat. Wir überfuhren kurz die Brücke, kehrten aber nach Arizona zurück für die Übernachtung und werden morgen dieses Drei-Länder-Eck mit einer südlicheren Überquerung des Colorado nach Kalifornien – Richtung Los Angeles – verlassen.

Der kleine und der grosse Canyon

100.jpgGestern abend hat uns das Satellitensystem zwar punktgenau zum Tourismus-Büro in Flaggstaff geführt, aber der Laden war um 17.00 Uhr schon dicht. Also sind wir heute morgen nochmals hingefahren und haben uns informieren lassen – sprich telefonisch das zweitletzte Zimmer in einer der Park-Lodges am Grand Canyon gebucht. Das ist zwar nicht grade billig, aber da wir endlich einen Tag zu Fuss auf einer Wanderung verbingen wollen, sollten wir wohl so nah als möglich am Canyonrand sein.

Wir haben Flaggstaff genau in jener Richtung verlassen, die uns zwei locals gestern als beste Route angegeben haben: Auf der US 89 entlang der Painted Desert nach Norden Richtung Grand Canyon. Unterwegs führt eine Ringstrasse nach Osten zu einem Vulkankrater, einem ganzen Haufen indianischer Ruinen und kurz in die “bemalte Wüste”. Wir haben uns mit den Sehenswürdigkeiten nicht lange aufgehalten, obwohl wir den Parkeintritt für die 36 Kilometer lange Strasse bezahlt hatten – die aber bot schon so genug: Zuerst durch einen alpin anmutenden Nadelwald über erkaltete Lavaströme hinab in einen knallroten Canon, hinaus in die weisse Wüste und zurück Richtung Wald und Schneeberge.

Irgendwann am frühen Nachmittag erreichten wir schliesslich den Eingang zum Grand Canyon National Park, bezahlten die dortige Gebühr und fuhren in den Park. Nach einigen Meilen öffnet sich hier, wenn man von Westen kommt, der Boden zu einer beeindruckenden Schlucht: Das Tal des “Little Colorado”, das mit einigen Hundert Metern Tiefe heftig beeindruckt.

Und ein paar Meilen weiter führt die Strasse plötzlich aus dem Wald heraus an den Rand des Grand Canyon, an den South Rim – und uns blieb schlicht die Spucke weg. Ich kannte den Effekt von meinem ersten Besuch in New York vor zwanzig Jahren: Alles schon tausend Mal in Filmen und auf Fotos gesehen, übertrifft die Realität trotzdem alle Erwartungen – der Graben hier in der Wüste von Arizona ist schlicht und ergreifend überwältigend.

Nach dem Zimmerbezug in der schon fast sozialistisch organisiert wirkenden Parkunterkunft (mich jedenfalls erinnerte die Yavapai-Lodge mit Zimmern ab 120 $ pro Nacht und ohne Internet-Zugriff an ein staatliches Hotel in Ostpolens Bialystok-Nationalpark, den wir 1991 besucht haben) rannten wir geradezu zum Fussweg entlang dem Rim, um den Sonnenuntergang nicht zu verpassen. Wir wurden mit einem Erlebnis belohnt, zu dessen Beschreibung mir Worte und Bilder fehlen. Eines vielleicht passt: Demut.

Get your kicks!

99.jpgRoute 66 ist die historische Verbindung von Chicago über Santa Fe nach Los Angeles – eine der berühmtesten Fernstrassen der USA. Heute allerdings ist das Asphaltband auf weiten Strecken ersetzt worden durch die Interstate 40, eine vierspurige Autobahn, die von Business-Centern mit Hotels und Supermärkten gesäumt ist (so alle hundert Meilen kommt so ein Ding in Sicht). Gleich nebenan verfallen die alten Motels entlang der Originalstrasse, die immer wieder für ein paar Meilen befahren werden kann.

Nachdem unsere Erwartungen an Santa Fe enttäuscht wurden und wir gestern weitergefahren sind ins wenigstens erwartungsgemäss unansehnliche Albuquerque, war der Staatswechsel von New Mexico nach Arizona heute eine positive Überraschung voller bestätigter Klischees in Bezug auf die grosasartige Landschaft, und die Fahrt hinauf nach Flagstaff, den Tourismus-Zentralort in Arizona, war ein Genuss. Das Städtchen selber ist etwas weniger künstlich als Santa Fe und dank einer Universität voller junger Leute, die hier grade abfeiern. Das beste aber sind die Güterzüge: Monster von rund einem Kilometer Länge, meistens gezogen von mindestens drei, eher vier Dieselloks, die vor der dem Kreuzen mit einem der vielen Bahnübergänge in der Stadt ihre laute und typische Hupe durch die Hochebene auf 2300 Metern schallen lassen (auch jetzt, mitten in der Nacht). Ausserhalb der Stadt bieten sie vor der Kulisse aus roten Felsen ein sensationelles Bild, das zu fotografieren mit heute noch nicht mit zufriedenstellendem Resultat gelungen ist.

Und nach den endlosen Beton- und Asphaltbändern durch die endlosen Hochebenen von Texas, New Mexico und Arizona ist der Anblick von Bäumen, die hier eigenartigerweise erst ab einer gewissen Höhe wieder anzutreffen sind, eine anheimelnde Erfahrung. Und schliesslich haben wir heute die dritte und letzte Zeitzonengrenze zwar noch nicht überfahren, denn Arizona hat eigentlich Mountain Time und hinkt damit Zentraleuropa nur acht und nicht neun Stunden nach. Aber die massgebenden Indianer in all den Reservaten in Arizona wollen keine Sommerzeit, weshalb der Staat in den SAommermonaten die gleiche Uhrzeit hat wie Kalifornien, Nevada und die übrigen Staaten mit Pacific Time. Wir haben also mit den heutigen 350 Meilen eine Stunde eingespart. Übrigens dürften wir mit der morgigen Fahrt zum 80 Meilen entfernten Grand Canyon die Schwelle von 3000 Meilen oder rund 4500 Kilometer seit New York durchbrechen..

Höhenfieber in Santa Fe

98.jpgStrassenschilder sind in den USA meistens im Klartext verfasst – oder eben nicht so klar – und bisweilen sehr unterhaltsam oder gar

herausfordernd. In Virginia warnen zunächst Schilder “Watch for falling rocks”, wir sollen vor fallenden Steinen aufpassen, und weiter unten am gleichen Berg heisst es endlich “Watch for fallen rocks”. Hier in New Mexico hiess es heute irgendwo schon fast philosophisch “Gusty winds may exist”, was man den Böen doch wirklich nicht abstreiten kann, und irgendwo in der Wüste hiess es “Watch for Water”, was wohl die meisten Leute auch ohne Aufforderung tun.

Wir hatten auch nur dank eines Informationsschildes zwischen Las Vegas (NM, nicht Nevada) und Santa Fe eine Erleuchtung der peinlichen Art,weil wir ohne Reiseführer unterwegs sind. Das Schild gab Fakten über die Region von Santa Fe, einem wichtigen Knotenpunkt aus den goldenen Zeiten der Eisenbahn, wider. Und unten drunter stand “Elevation 6500 f”, was wir für die Höhenangabe für einen der umliegenden Berggipfel hielten. Beim Mittagessen in Las Vegas (einem ärmlichen Nest, das nicht einmal den Ruhm des Vorpostens von Santa Fe ausschlachten kann) fragten wir dann aber einen Einheimischen nach der Höhe des Ortes und begriffen plötzlich, weswegen seit Stunden die beiden Töffs etwas lahmer zu sein schienen und die Temperatur so stark gesunken ist – Santa Fe liegt auf 7000 Fuss über Meer, das sind rund 2130 Meter.

Übrigens haben wir heute zwar 242 Meilen abgespult, aber in echter Distanz nur rund 118 Meilen von Santa Rosa bis nach Albuquerque NM zurückgelegt.

Daran ist nicht nur der Abstecher nach Santa Fe (mit einigen grandiosen Landschaftsansichten) verantwortlich, sondern auch der Umweg von 30

Meilen, den wir mit einer vermeintlichen Nebenstrasse bis zum Indianerdorf Colonias irgendwo in den Hügeln (und wieder daraus zurück) hingekriegt haben.

Santa Fe übrigens war ein Schock. Nach Hunderten von Meilen Fahrt durch die USA der Nebenstrassen mit all ihren nicht sehr glitzernden Facetten, Trailerparks und verrosteten Autowracks fanden wir uns plötzlich in einem Schicki-Micki-Städtchen, das durchwegs im Pueblo-Stil gebaut ist – selbst neuste Büro- und Geschäftslokalitäten sehen aus wie mexikanische Haciendas. Ein weiteres Disneyland amerikanischer Geschichte. Schade.

Das neue Mexico

93.jpgWer eine politische Karte der USA anguckt, wird es kaum ahnen, aber tatsächlich ändert sich die Landschaft meistens mit dem Übertritt in einen neuen Staat: Wir sind gestern von der Gras- in die Sandwüste von Texas geraten und heute haben sich just nach dem Grenzübertritt nach New Mexico plötzlich Gräben aufgetan – hier schauts nun wirklich aus wie in dem wilden Westen, den wir aus den Filmen kennen. Entlang der historischen Route 66 reihen sich Geisterstädte, und eigentlich gibts viel zu viele Fotomotive um durchzufahren. Trotzdem haben wir Texas wie schon Oklahoma in einem Tag durchfahren (naja, wes war nur der nördliche Panhandle) und zielen jetzt auf das legendäre Santa Fe, etwas nördlich unserer Route. Wir haben ja wieder etwas mehr Zeit: heute haben wir mit der Grenze zu New Mexico zum zweiten Mal auf dem inzwischen rund 2350 Meilen langen Trip eine Zeitgrenze überfahren – wir leben und reisen jetzt nach “Mountain Time”, 8 Stunden hinter Zentraleuropa.

Roadkill

91.jpgOklahoma hat uns begrüsst, wie uns Arkansas verabschiedet hat – mit gewundenen Nebenstrassen in skandinavisch anmutenden Mischwäldern. Wärs hier nicht noch heisser geworden – über 100 Grad Fahrenheit oder irgendwo bei 35 Grad Celsius – wir hätten die Landschaft genossen. So aber wars eine Qual, die erst mit abnehmender Sonne erträglich wurde. Was uns schon seit spätestens Virginia aufgefallen ist, sind die vielen plattgefahrenen Tiere auf und neben der Strasse. “Roadkill” nennen die Amerikaner das Waschbären, Hunde, Rehe, Opposums, Chipmunks, Skunks, eine Schlange und heute in Oklahoma auch jede Menge Gürteltiere. Die haben zwar eine harte Schale, damit den Monstertrucks aber auch nichts entgegenzusetzen – irgendwie schon fast eine Analogie auf das gnadenlose Marktsystem der USA. Der ganze Staat Oklahoma – oder das bisschen, was wir davon gesehen haben – kommt mnir vor wie ein Opfer des Systems. halbe Geisterstädtchen voller zerfallender Geschäftsbauten und mit Gras überwachsenen Tankstellen. Abseits der Interstate 40, die mitten durch Oklahoma City führt (eine Stadt, die offenbar alle fünf Meilen einen der gigantischen Supermärkte der Billigst-Warenhauskette Wal-Mart braucht) gibts ausser ein paar Farmen und hin und wieder einer ansehnlichen Villa einfach nichts. Der Staat scheint eine Art Roadkill des Systems zu sein.

Wir haben deswegen den ganzen Staat in einem Zug durchfahren – 500 Meilen. Und dann landen wir in einem County in Texas, das trocken ist – kein Bier hier. also gehn wir zu Bett.