Archiv für den Monat: November 2005

Sommer! Hitze! (Arbeit)

Richtig gelesen: Es herrscht Sommer in San Francisco! Jedenfalls in meiner vorsierranevadinen Hügelzone, wo im Juni, Juli und August der Nebel wallt und die Temperaturen kaum je über 17 Grad steigen. Jetzt schreiben wir den 16. November, und zur prallen Sonne gesellt sich tagsüber ein laues Lüftlein vom Landesinnern mit sagenhaften 24 Grad, während sich die Abende endlich so anfühlen wie die Hocks in der Bertabar am Zürcher Idaplatz im August.

Und das alles kann ich kaum geniessen, weil ich nicht nur mit ausreichend Arbeit eingedeckt bin, sondern in meiner Freizeit auch noch einen Roman schreiben müsste – wer konnte denn ahnen, dass dies der bisher schönste November meiner Zeit in San Francisco werden würde?

Nein, ich bin noch nicht weiter gekommen! Ja, ich hab erst 3000 Wörter! (Dafür habt Ihr Schnee. Ätsch)

Arnold, terminiert

Er hat nicht nur all Abstimmungen verloren, sondern auch 7 Millionen seines privaten Vermögens: Arnold Schwarzenegger hat am Dienstag die härteste Niederlage seiner Politkarriere eingefahren.

Das erstaunt hier indes nicht sonderlich. Seit der Goubernator verdeutlicht hat, wen er als egoistische Vertreter von Partikularinteressen aufs Korn zu nehmen gedachte – Pflegepersonal, Lehrkräfte, Feuerwehrleute – blies ihm der Gewerkschaftswind bereits kräftig entgegen. Und der knallharte Filmstar machte einen zweiten Fehler: Er nahm die Gegner nicht ernst. Statt zum kleinen Mann auf der Strasse sprach er weiterhin beinahe ausschliesslich zu seinen superreichen Wahlkampfspendern und versprach ihnen, die Krankenschwestern «in den Hintern zu treten».

Mit den gesammelten Millionen wollte der Republikaner schliesslich den teuersten Abstimmungskampf in der Geschichte Kaliforniens gewinnen und seine Macht erheblich ausbauen. So sollten

- Gewerkschaften des öffentlichen Sektors keine Propaganda mehr machen dürfen, ohne zuvor ihre Mitglieder zu befragen

- Lehrer eine wesentlich längere Probezeit durchmachen müssen,

- Budgetüberschreitungen während des laufenden Jahres dazu führen, dass der Gouverneur die absolute Finanzmacht erhält

- die Wahlbezirke nicht mehr vom Gesetzgeber bestimmt werden, sondern von einem Gremium aus pensionierten Richtern.

jetzt hat ihm das Volk eine unmissverständliche Abfuhr erteilt – sämtliche Vorschläge wurden verworfen.

Und der Gouverneur? Er erklärte am Dienstagabend, «das kalifornische Volk ist des Streitens überdrüssig.» Er bedankte sich nicht nur bei seinen Gegnern für deren Engagement und versprach, ab sofort mit den Demokraten zusammen zu arbeiten. Er erklärte sogar, seine Ziele seien falsch gewesen, «wir brauchen mehr Pflegepersonal, Feuerwehrleute, Polzisten und Lehrer; wir brauchen mehr bezahlbare Wohnungen, Energie und Wasser – wir brauchen mehr von allem, und dazu gehört auch mehr Zusammenarbeit über Parteigrenzen hinweg. Ich werde dafür sorgen, dass dies geliefert wird.»

Eine späte Erkenntnis: Schwarzenegger hat sich seit Januar von den Gegnern als Hardline-Republikaner hinstellen lassen. Jetzt will er plötzlich mit den Demokraten ins Boot steigen.

Das wird schwierig. «Überparteilichkeit ist sowas wie Jungfräulichkeit», sagt Politwissenschafter Bruce Cain von der Uni Berkeley, «wenn sie verloren ist, lässt sie sich nicht zurückgewinnen.»

Allerdings: Auch wenn in Kalifornien wie in Virginia und vielen andern Staaten die Demokraten Abstimmungen und Wahlen gewonnen haben und Präsident Bush mit 35% Zustimmung den Tiefpunkt seiner Popularität erreicht hat («Eine Premiere: Erstmals liegt die Zustimmung noch unter seinem Notenschnitt in Yale», sagt David Letterman) – ein Staat leistet Wiederstand. In Kansas hat der Erziehungsrat mit sechs gegen vier Stimmen beschlossen, dass an den staatlichen Schulen inskünftig die Evolutionstheorie nach Darwin als unbewiesene Hypethese gelehrt werden muss, zu der Alternativen in Form von «Intelligenter Schöpfung» bestehen.

Ich geh jetzt einen Teller Spaghetti essen. Ramen!

Die Zipper

39.jpgIn den USA wird einiges mit anderen Ellen gemessen. Während man für Yards, Feet, Inches und Gallonen aber einfach nur eine gute Umrechnungstabelle braucht, wird es bei etwas weniger mathematischen Werten schwieriger.

Der Vorteil einer Carsharing-Mitgliedschaft zum Beispiel liegt weniger in den verfügbaren Autos, die in San Francisco übrigens nicht ganz so dicht zur Verfügung stehen wie die Mobility-Flitzer in der ganzen Schweiz. Nein, der Vorteil der Zipcar-Mitgliedschaft liegt im garantierten Parkplatz für die Kiste.

Was wiederum zu mehr Sex führt – die Referenzeinheit für ohnehin alles, was gemessen werden kann. Freizeit, Verdienst, Körpergewicht – etwas mehr vom einen oder etwas weniger vom anderen lässt sich offenbar im Flachleg-Index angeben.

Dafür spielen Distanzen generell eine viel kleinere Rolle als bei uns in der engen Schweiz: Die gesharten Cars werden pro Stunde oder Tag gemietet, die gefahrenen Meilen spielen keine Rolle. Das ist gut so, denn für guten Sex (oder ein Picknick) fahren die Amerikaner auf einem Tagesausflug problemlos 10 Stunden. Die Sonntagsfahrt in den Yosemite-Nationalpark bringt allein schon 600 Kilometer auf den Tacho – das würde bei Mobility mit rund 300 Franken zu Buche schlagen. Sowas kann sich der typische Autoteiler in den USA nun mal nicht leisten.

Welche Kravatte passt zur Flut?

36.jpgDie CIA-Affäre in Washington hat Auswirkungen: Präsident Bush ist in einem absoluten Popularitäts-Tief, und erstmals zweifelt eine Mehrheit der Amerikaner an seiner Integrität – sprich, sie halten ihn für einen Lügner.

Während sich der Skandal um Cheney-Berater Libby weiter entfaltet und der Ehemann der “enthüllten” CIA-Agentin Velrie Plame, Ex-Botschafter Joe Wilson in Auftritten wie jenem bei CNNs Larry King staatsmännische Qualitäten ausstrahlt und zugleich das Weisse Haus als eine Bande ehrloser und hinterhältiger Gauner aussehen lässt, kommen neue Details zum Desaster rund um die nationale Katastrophenhilfe FEMA und ihren Ex-Direktor Michael Brown ans Tageslicht – in Form eines Bündels Emails vom und an den kurz nach der Katastrophe von New Orleans geschassten Krisenmanagers. Die Ausdrucke der elektronischen Post zeigen, dass Brown selbst während der dramatischsten Ereignisse in New Orleans weder den Überblick hatte, noch sich allzusehr dafür interessierte – zu seinen Fragen nach dem richtigen Outfit für die Fernsehauftritte gesellen sich konzeptlose Anweisungen an seine Mitarbeiter – und mitten drin die Suche nach einem Dog-Sitter.

Das erstaunlichste daran bleibt die Tatsache, dass selbst hohe Beamte in Schleudersesseln wie Browns Posten noch immer nicht kapiert haben, dass E-Mail-Korrespondenz keine Privatsphäre garantiert und über kurz oder lang veröffentlicht werden wird.

Play it again, Sam!

35.jpgVrööööÖÖÖÖÖÖMMMMMMmm – knacks – splitter – KREISCH!

Ok, es ist ja schon erstaunlich, wenn an einem Novemberabend in Nebraska ein Ultraleicht-Flugzeug mit einem Bauern an Bord gleich neben die Zuschauer eines Footballspiels abstürzt. Aufregend genug, dass Keith Olbermann von MSNBC das Video einer TV-Kamera in seine Sendung aufnahm und auch noch ein Interview mit einem Lokalen Reporter am Telefon führte.

Wobei das Video selbstredend, wie in allen guten Augenzeugen-Sendungen, in Zeitlupe wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann (während des Interviews mit dem Reporter am Telefon) nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann (während ein Klopfen zu hören war, wie wenn Olbermann mit verzweifelten Gesten seiner Studioregie zu verstehen zu geben versucht, sie sollen das Ding anhalten und dabei auf sein Mikrofon einhämmert) nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann nochmals (mit Ton – KREISCH!) wiederholt wurde.

Und dann nochmals wiederholt wurde.

Und dann ein letztes Mal wiederholt wurde.

Zwölf Mal ging der Live-Absturz über den Sender – mit einer winzigen Pause.

Bei dem Unfall sollen übrigens eine Zuschauerin und der pilotierende Bauer nur leicht verletzt worden sein.

Verblüffend. Der Mann müsste tot sein.

Nachdem er zwölf mal in den Boden geknallt ist?

Demo-Effekt

34.JPGHähä. ich war ja echt verblüfft – da zeigte Bill Gates vorgestern hier im Palace tatsächlich was Erstaunliches statt nur heisser Luft (übrigens sah der Mann nicht besonders gesund aus, was allerdings auf meinen Wackel-Fotos im Archiv kaum zu sehen ist).

Und dann schlug der Demo-Effekt voll zu. Wie schon vor zwei Monaten bei Steve Jobs, als der das Musik-Handy von Motorola präsentierte: «Ich nehm jetzt ein Gespräch an, und die Musik verstummt, und wenn ich aufhänge, geht sie am gleichen Ort – ooops. hmmm? Oh, ich hab wohl den falschen Knopf gedrückt…»

Bei Bill trafs nicht den Boss selber, sondern Blake Irving. Der sollte “Windows Live” vorführen, die Seite öffnete sich auf dem fünf mal drei Meter grossen Screen, eine Microsoft-Suchmaske erschien, Blake tippte was ein und – wartete. Zwischenruf: “Probier mal Google…”

Nun, die Leitung des Demorechners war tot. Dann erschien die Netzwerk-Fehlermeldung, rund einen Meter breit, auf dem Bildschirm. Hinter dem Vorhang ging ein Getuschel los. Blake hielt die Sache zwar im Griff und laberte unbekümmert weiter, aber als nach zwei Minuten immer noch nichts ging, kam Ray Ozzie auf der Bühne “zu Hilfe” und verwickelte Blake in ein Palaver, das an Peinlichkeit kaum zu überbieten war…

Naja. Demo eben. Was wir danach zu sehen bekamen, war ziemlich beeindruckend. Und irgendwie fast zu gut, um wahr zu sein. Das kennt man auch von Microsoft: Produkte ankünden, dies noch nicht gibt (oder nie geben wird) und damit Konkurrenz unter Druck bringen. Ich bin jedenfalls gespannt auf die Satellitenfotos in den Microsoft-Karten, die sich nahtlos in 45-Grad-Winkelansichten von jedem Gebäude der Welt umschalten lassen… die Pyramid in San Francisco hat man uns gezeigt, und das auch noch von Norden UND Süden. Jetzt fehlen bloss noch die Ansichten von schätzungsweise zwei Milliarden anderen Gebäuden…

Ach ja, der Roman. Nun: Null Wörter. Dass ich heute wenigstens Lunch essen durfte, verdanke ich nur der Gnade eines geduldigen Auftraggebers – merci, Stefan… ich schreib morgen 20 Seiten. Gleich nach der Box zu Deiner Story.

…und ein gordischer Knoten

Sorry, Leute, ich weiss: Die rechte Spalte auf dieser Seite ist ein Durcheinander. Ich mach noch irgendeinen logischen Denkfehler beim Sezieren der Datenbank – jetzt listet das Skript halt auch die Einträge des Vormonats noch auf, dabei sollten die erst beim Anklicken des Monatsnamens erscheinen.

Habe aber leider diese Woche ausgesprochen keine Zeit mehr, das in Ordnung zu bringen. Ihr verzeiht, wenn ich zuerst meinen Roman schreibe? ich kümmere mich bei nächster Gelegenheit drum…

Vielen Dank Euch dreien.