Archiv für den Monat: Oktober 2005

Ausfall

So, Halloween wäre mit all seinen Mördergeschichten und Kriminalfällen überstanden. Das ist das Geisterfest, welches Europa scheints nicht ausstehen kann (und trotzdem Milliarden dafür ausgibt). Hier war gar nicht so viel davon zu spüren.

Andere Dinge bremsen mich derzeit mehr aus. Zum einen ersauf ich plötzlich in Arbeit (darüber sollte man sich als Freelancer nicht beklagen!), dann ist draussen 25grädiges Vollsonnen-Superwetter und abends bläst mir eine feine Brise die Musikfetzen von den Konzerten im Golden Gate Park in die Wohnung. Und schliesslich kann ich die spannenden Details, die eigentlich hier in den Blog passten, nicht ausposaunen, weil die Geschichten dazu noch nicht veröffentlicht sind. Vielleicht erträgt mein Job als Freelancer ja keinen Blog. Dann sollte ich wohl in der Freizeit Romane schreiben – uhm.

Aktueller Stand: 0 Wörter Manuskript, aber wenigstens eine Plotskizze.

Alter Wein

Nichts davon ist zwar wirklich neu, aber die Analyse der aussenpolitischen Vergangenheit der USA verblüfft doch immer wieder aufs neue.

Jetzt hat Jeff Stein, Redaktor für nationale Sicherheit beim Politjournal «Congressional Quarterly» im Rahmen der Affäre rund um die Aufdeckung der CIA-Agentin Valerie Plame die Geschichte der Protagonisten in früheren Affären unter die Lupe genommen.

Demnach weist der Fall verblüffende Ähnlichkeiten mit einem früheren Streit um die Informationen des Geheimdienstes CIA auf. Mit allen Fehlern und Fehleinschätzungen – und den gleichen Urhebern. Unter Richard Nixon hatten nämlich bereits zwei Regierungsexponenten die Einschätzungen der Waffengewalt der UdSSR durch die CIA angezweifelt – es waren Dick Cheney und Donald H. Rumsfeld. Sie verlangten die Einsetzung eines “Teams B” für eine härtere Beobachtung der UdSSR – unter der Leitung eines gewissen Paul Wolfowitz: Dem späteren Architekten des Irak-Feldzugs.

Schon damals lagen Cheney und Rumsfeld mit ihrer Warnung vor den Russen nicht nur völlig falsch, sondern sorgten zugleich für politische Wirren und gefährliche Verbindungen. Weil sich CIA-Chef William Colby weigerte, das “Team B” zu akzeptieren, wurde er gefeuert – sein Nachfolger akzeptierte die Zweittruppe selbstredend. Sein Name: George H. W. Bush, Vater des aktuellen US-Präsidenten.

Das Team B kam zum Schlus, dass die Russen militärisch unterschätzt würden und sorgte mit Indiskretionen für die politische Stimmung, die den Rüstungswettlauf anheizte. Jahre später kommen Analysten zur Einsicht, dass praktisch sämtliche Einschätzungen des Teams vollkommen falsch waren.

Ähnlich verhielt es sich gemäss Stein unter Ronald Reagan mit der Einsetzung von William Casey als CIA-Direktor, dessen Job es war, die “liberalen” innerhalb der CIA mit Hardlinern zu ersetzen. Einer davon war ein gewisser Oliver North, der die Iran-Contra-Affäre auslöste.

Ein weiteres Mal wurden die Informationen der CIA angezweifelt und über den Haufen geworfen, als Staatssekretär George Shulz während des Irak-Iran Kriegs insgeheim dazu drängte, den Irak zu stützen. Er überging die CIA und sandte einen Geschäftsmann als Unterhändler zu Saddam Hussein: Donald Rumsfeld…

In seiner Analyse zeigt Stein jetzt, dass genau die gleichen Machtspiele aus Regierungskreisen und die Zweifel an der CIA für die Fehleinschätzung des Irak und den abenteurlichen Feldzug verantwortlich sind. Die jüngste Affäre, in deren Zug jetzt plötzlich nicht mehr Journalisten, sondern hohe Regierungsangestellte für die Offenlegung der Identität der CIA-Agentin verantwortlich zu sein scheinen, folgt dem altbekannten Muster.

Rutschpartie

Zunächst scheint die Meldung im Chronicle absurd: Wegen des ersten Regens kam es heute Morgen auf den Strassen von San Francisco zu doppelt so vielen Blechschäden als sonst. Dazu reichten 7 Millimeter Niederschlag bei rund 15 Grad Celsius.

Es gibt eine einfache Erklärung: Nach Wochen oder Monaten ohne Regen sind die Fahrbahnen hier nämlich allesamt mit Dreck, Öl und Russ imprägniert. Und diese Masse wird, wenn ausreichend benetzt, stellenweise zur glitschigen Schmiere.

Warum iTunes boykottiert werden müsste

Arrr! Ein Tech-Hippie aus Kanada überzeugt Microsoft von den Übeln des Kopierschutz? Wohl kaum. Aber daran hat er wohl selber nicht geglaubt, als Cory Doctorow, Repräsentant der «electronic frontier», bei den Softies in Seattle diesen Speech gehalten hat.

Der Text ist auch für technische Laien sehr verständlich und absolut lesenswert (im Gegensatz zu Doctorows Romanen, wie ich mir habe sagen lassen). Er macht klar, dass DRM – “digital rights management” oder zu deutsch Kopierschutz – allen schadet: Der Gesellschaft, der Wirtschaft, den Künstlern und Microsoft, und dies vor allem, weil er eh nicht funktioniere.

Ein Absatz des Texts (den ich vielleicht Gelegentlich mal übersetze) hat mich speziell angesprungen: Doctorow erklärt, dass Apples gefeierter Online-Musikladen iTunes boykottiert werden müsste.

Die dort gekauften Songs sind nämlich mit einem Kopierschutz versehen und an den Computer des Downloads plus ein Abspielgerät (logischerweise einen Ipod) gefesselt.

Das ist eine fatale Entwicklung: Bisher haben wir Konsumenten uns schon von Hollywood vorschreiben lassen, auf welchen DVD-Playern (oder auf welchem Kontinent) wir ihre Filme angucken dürfen. Mein Notebook beispielsweise, nochmals: MEIN Notebook, für das ich in der Schweiz über 4000 Franken bezahlt habe, erklärte mir rundwegs, ich sei nicht berechtigt, meine in den USA gekauften Silberscheiben auf ihm anzusehen. Der kleine Frechdachs kam daraufhin in gefährliche Nähe zu einem Freiflug aus dem Fenster.

Ähnliches könnte passieren, wenn jemand seine für Tausende von Franken auf iTunes zusammengekaufte Musiksammlung auf ein neues Gerät überspielen will, weil es besser ist als der iPod (ein für alle mal: Apple hat weder den MP3-Player, noch den Harddiskplayer, noch den Videofähigen Harddiskplayer erfunden. Jedes einzelne dieser Geräte gabs schon von einem andern Hersteller, jeweils mindestens zwei Jahre, bevor Apple sein – zugegebenermassen toll designtes – Kästchen auf den Markt gebracht hat.) Das Gerät wird mit den von Apple versägten Daten nichts anfangen können. Das Resultat? Ganz einfach: Die Musikindustrie verdient zum vierten Mal an den Sammlern: Das erste Mal haben sie für die Songs bezahlt, als sie die LP kauften; dann, als sie die LP durch die CD ersetzten, schliesslich, als sie die CD-Sammlung per iTunes auf den iPod spielten.

Und wer genau regt sich da über ein paar kopierte Musikdaten auf?

Der Doctorow-Text weiss noch viel mehr zum Thema.

Ramen!

Internet-explorer: Bitte spülen!

Ich bin kein grundsätzlicher Microsoft-Hasser. Tatsächlich halte ich Windows in der vorliegenden XP-Professional-Version für ein ausgesprochen gutes Betriebssystem.

Aber die gazen Punkte, die MS damit bei mir gemacht hat, hat die Firma dieser Tage wieder verloren – wegen eines Programms, das nicht einmal mehr benutze.

Heute wollte ich schnell meine restlichen Webseiten von statischen HTML- in dynamische PHP-Dokumente umwandeln und aus den grässlichen Tabellen, welche das Layout beherrschten, eine schlanke CSS-Struktur machen.

Hier, auf dem Bühnenaufgang zum Internet, wird erst deutlich, was MS anrichtet. Der doofe Explorer hält sich kaum an die Standards der Gremien, die mit ihren Regeln dafür sorgen, dass Webseiten in allen Browsern (gleich schön) dargestellt werden können. Wo Opera, Firefox und Safari ein wunderschönes Layout zeigen, reisst der krude IE alles auseinander – oder aber er zwingt mich als Webmaster, meine Seiten doppelt zu programmieren.

Die heutige Arbeit hat er mir versaut, und so sehen meine Start- und die Kontaktseite halt immer noch handgestrickter aus als der Rest.

Aber weil meine Zugriffsstatistik sagt, dass 65% der 13 regelmässigen Besucher dieser Homepage mit IE surfen, muss ich wohl auf den Codebrecher Rücksicht nehmen…

«Bloss geknabbert»

«Ich hoffte, er würde einen Bissen nehmen und dann verschwinden», schildert Megan Halavais, 20, den Angriff eines grossen Weissen Hai, der sie vergangene Woche beim Surfen in Bodega Bay nördlich von San Francisco erheblich verletzt hat. «Falls er ein zweites Mal zugebissen hat, dann hat er lediglich an mir geknabbert», sagt Halavais. Ihr sei der Pazifik an diesem Tag ohnehin “un-hai-mlich” gewesen, gab sie zu Protokoll.

Dass nicht nur Tiere mit scharfen Zähnen wie Bären, Pumas und Haie in Kalifornien gefährlich sind, hat sich diese Woche anderswo gezeigt: In Orinda erschossen Jäger einen Hirsch, der mehrfach Hunde angegriffen und einen tödlich verletzt hatte.

Craigslist erreicht Zürich

Ohne diese Website ginge in San Francisco nichts mehr, in Los Angeles kaum etwas und in New York jedenfalls viel weniger: Craigslist ist der Online-Flohmarkt für Wohnungen, Autos, Jobs, Bekanntschaften, Staubsauger, Farbreste, One-Night-Stands und leere WC-Rollen. Sie ist ausserdem ein Kuriositätenkabinett, ein anonymer Blog, Spielwiese für Witzbolde, Satiriker, Depressive und Sexmonster. Das ganze Panoptikum der Gesellschaft verdanken wir einem menschenscheuen Geek namens Craig Newmark der noch dazu ein grosses soziales Gewissen hat und deshalb ausser den Jobinseraten alles auf seinem Multi-Millionen-Dollar-Juwel kostenlos zur Verfügung stellt.

Jetzt hat Craigslist eine eigene Seite für Zürich, die leider bisher ausser von einigen Exilamerikanern noch kaum genutzt wird. Das muss sich schleunigst ändern. Damit auch aus der Schweiz hin und wieder ein Beitrag in Best of Craigslist landet, der geradezu unheimlich unterhaltsamen Sammlung von Trouvaillen, welche die Millionen von Besuchern mit einem Mausklick nominieren können. Übrigens – nicht alles hier ist völlig jugendfrei. Aber vieles grade drum saukomisch.

Pille gegen den Ehemann

Zwei Säulen tragen die TV-Werbung in den USA: Autohersteller und Pharmafirmen. Letztere informieren nicht nur über ihre Produkte, sondern auch über ständig neu entdeckte Krankheiten, gegen die sie bereits eine Pille anbieten. Das Anwendungsfeld reicht von Jugenddepression bis zu -Hyperaktivität, und für Erwachsene gibts Dinge wie ADD: Attention Deficit Disorder, oder Aufmerksamkeitsmangel. Bei den meisten beworbenen Krankheiten handelt es sich um “Syndrome”, und die Botschaft lautet: Wenn Du gelegentlich “….hier irgendwas alltägliches einfügen…” an Dir entdeckst, solltest Du Dich auf “…hier Name des Syndroms einfügen…” testen lassen.

Aber jetzt haben die Japaner eine Seuche entdeckt, welche den Einfallsreichtum der Amerikaner in den Schatten stellt: RHS. Das “Retired Husband Syndrome”, unter dem logischerweise vor allem Hausfrauen leiden. Wenn ihr Gatte nach der Pensionierung plötzlich den ganzen Tag zu Hause verbringt, entdecken sie, wie anstrengend der Typ sein kann. Vorerst wird das Problem mit Programmen für die gelangweilten japanischen Männer angegangen.

Aber lange kanns nicht dauern, dann gibts eine Pille. Beispielsweise eine, welche die Aufmerksamkeit der Frauen gegenüber ihren Männern senkt.

Wo sind die Links?!

20.JPGInternet-Telefonie, Flash-Animationen, Pop-Ups – und wo, bitte, sind die ganz normalen, guten alten Links im Web? Ich wollte ja bloss die Website des Palace of Fine Arts in San Francisco finden. Die Google-Suche katapultiert mich dabei in eine Tsunami von Werbesites und Verzeichnissen, die alle einen Haufen über das Museum wissen, aber wohlweislich keinen Link zu dessen Homepage anbieten. So hat die Site selber natürlich auch keine Chance, auf der Google-Rangliste dorthin zu gelangen, wo sie hingehört – an die Spitze.

Stirbt der Link aus, wie wir es vor Jahren vorausgesagt haben? Jemand sollte eine Initiative zu seiner Rettung lancieren.

Diese Suppe ess` ich nicht

400`000 Fertiggerichte, welche Grossbritannien den USA als Soforthilfe nach dem verheerenden Wirbelsturm Katrina geschickt hat, liegen seit ihrer Ankunft anfangs September in einem Lagerhaus in Arkansas: Aus Furcht vor Rinderwahnsinn und aufgrund des geltenden Einfuhrverbots für jegliche Fleischimporte aus England haben die US-Behörden die Sonderrationen (Wert: 5,7 Mio US-$) nie verteilt. Laut einem Bericht der Washington Post suche man jetzt nach einem “bedürftigen Land”, welches die auf Frühjahr 2006 datierten Nahrungspakete übernehme. England hatte die Rationen mit einem 4,3 Mio Dollar teuren Charterflug in die USA geflogen.