Archiv für den Monat: September 2005

Distanz

351.jpgIch habe die Relativitätstheorie nie verstanden. Sie hat irgendwas damit zu tun, dass Licht immer gleich schnell ist, richtig? Was ist daran relativ?

Ein klein wenig habe ich es kürzlich kapiert, als ich für eine Recherche nach Fresno eingeladen wurde. «Holen Sie mich morgen um neun im Büro ab», sagte mein Interviewpartner.

Ich warf einen Blick auf meinen elektronischen Routenplaner: Fresno ist ungefähr so weit weg von San Francisco wie Zürich von Bern – wenn man die jeweiligen Staatsgrenzen als Massstab nimmt. In absoluten Zahlen sieht die Geschichte ein wenig anders aus: 250 Meilen, 400 Kilometer, pro Weg. Ich mochte den Termin nicht mehr ändern – immerhin drehte sich die Recherche um die mangelnde Arbeitsmoral der jüngeren Generation.

Es war stockdunkel, als ich mich morgens um fünf aufmachte (siehe Bild). Nach vier Stunden Fahrt folgte ein Interview dem andern, und um 17 Uhr war ich nudelfertig.

Trotzdem wehrte sich alles in mir gegen eine Übernachtung in Fresno. Kein Zürcher verbringt nach einer Sitzung die Nacht in Bern. Und irgendwie fühlte sich die fünfstündige Heimfahrt aus dem Central Valley zurück an die Pazifikküste nicht anders an als die 70 Minuten im Zug durchs Schweizer Mittelland. Offenbar sind wir im Stande, unser Zeit- und Weggefühl den Dimensionen unserer Umgebung anzupassen.

Oder aber es war mehr als ein Sekundenschlaf, aus dem ich auf der Interstate 5 immer mal wieder aufschreckte.

Erschütternd

350.jpgIch bin kein Anhänger der Schweizer Überversicherungs- Mentalität. Aber was letzte Woche nach der Katrina-Katastrophe in den US-Südstaaten passiert, oder vielmehr: was NICHT passiert ist, lässt die Schutzraum-Zuweisung des Zürcher Zivilschutz’ in einem neuen Licht erscheinen.

Abgesehen von ein paar Broschüren und Webseiten gibt mir hier niemand Informationen, was ich nach dem zu erwartenden grossen Erdbeben tun, wohin ich mich wenden, auf wen ich hören soll. Bisher habe ich noch nicht einmal das empfohlene Notpaket mit Nahrung, Wasser, Taschenlampe und einer Decke zusammengestellt: Ich wüsste nicht, wo ich es deponieren soll.

Wenn in San Francisco die Lichter aus- und die Feuersbrünste angehen, sitze ich mit einigen hunderttausend Menschen in den brennenden Trümmern auf einer Halbinsel. Die Baybridge im Osten wird eingestürzt sein, die Golden Gate Brücke ist für schwere Fahrzeuge unpassierbar, und wenn die beiden Highways, welche die Stadt von Süden her erschliessen, versperrt sind, werden die Bilder – mit anderen Vorzeichen – jenen von New Orleans im September 2005 gleichen. Dort waren eine halbe Million Menschen fünf Tage lang sich selber überlassen.

Ich kaufe mir morgen ein paar Kanister Wasser, Notvorräte und einen Schlafsack.