Erstaunlicherweise hat das Bundeshaus mit seiner Geschäftigkeit und den vielen Rednern, denen keiner zuhört, seine Anziehungskraft auch nach einigen Jahren meiner Teilnahme am sessionalen Medienzirkus nicht verloren. Also nutzte ich meinen Schweiz-Aufenthalt im März für einen Heimwehbesuch in den geheiligten Hallen, um das «Gspüri» für die Schweizer Demokratie nicht zu verlieren. Und bewunderte die Redner am Pult, die im desinteressierten Bienenhaus unbeirrt versuchen, mit einer besonders flapsigen Bemerkung den 5-Sekunden-Schnipsel im abendlichen 10vor10-Beitrag zu erobern.
Hier in San Francisco sieht das ganz anders aus. Zwei der sechzig Basis-Kabel-TV-Kanäle sind für die Lokalpolitik reserviert. Allabendlich werden namentlich die öffentlichen Hearings zu diversen Angelegenheiten ausgestrahlt. Hier stellen sich Bürgerinnen und Bürger ans Mikrofon und erhellen zu Handen der lauschenden Exekutivmitglieder mehr oder minder eloquent ihren Standpunkt zu einer Überbauung, dem Taxireglement oder dem Rauchverbot in den städtischen Parkanlagen. Und alle kriegen die vollen drei Minuten Rede- und damit auch Sendezeit. Dabei sind viele der Ansprachen inhaltlich überraschender als das, was irgendein SVP- oder SP-Vertreter im Nationalrat von sich gibt und nicht zuletzt häufig von hohem Unterhaltungswert.
Wahrscheinlich haben auch diese Reden keinen Einfluss auf längst gemachte politische Meinungen. Aber wenigstens heben sie das Niveau des Fernsehabends ganz gehörig.
Ein bisschen Heimweh kommt ja schon auf – das erste Mittagessen bei Metin in der Zürcher Körnerstube nach sechs Monaten Kalifornien ist ebenso fremd wie heimelig, denn Lammvoressen mit Kartoffelgratin bin ich mir inzwischen so wenig gewohnt wie die Tatsache, dass ich hier eine Zigarette anzünden darf, ohne zuvor auf die Strasse hinausgetreten und mindestens sechs Fuss vom Eingang zum Restaurant entfernt zu sein.
Eigentlich kostet hier alles. Oder zumindest entspricht dies dem Vorurteil des kapitalistischen Amerika. Tatsächlich ist für Geld alles zu haben.