Archiv für den Monat: März 2005

Sendungs- Bewusstsein

342.jpgErstaunlicherweise hat das Bundeshaus mit seiner Geschäftigkeit und den vielen Rednern, denen keiner zuhört, seine Anziehungskraft auch nach einigen Jahren meiner Teilnahme am sessionalen Medienzirkus nicht verloren. Also nutzte ich meinen Schweiz-Aufenthalt im März für einen Heimwehbesuch in den geheiligten Hallen, um das «Gspüri» für die Schweizer Demokratie nicht zu verlieren. Und bewunderte die Redner am Pult, die im desinteressierten Bienenhaus unbeirrt versuchen, mit einer besonders flapsigen Bemerkung den 5-Sekunden-Schnipsel im abendlichen 10vor10-Beitrag zu erobern.

Hier in San Francisco sieht das ganz anders aus. Zwei der sechzig Basis-Kabel-TV-Kanäle sind für die Lokalpolitik reserviert. Allabendlich werden namentlich die öffentlichen Hearings zu diversen Angelegenheiten ausgestrahlt. Hier stellen sich Bürgerinnen und Bürger ans Mikrofon und erhellen zu Handen der lauschenden Exekutivmitglieder mehr oder minder eloquent ihren Standpunkt zu einer Überbauung, dem Taxireglement oder dem Rauchverbot in den städtischen Parkanlagen. Und alle kriegen die vollen drei Minuten Rede- und damit auch Sendezeit. Dabei sind viele der Ansprachen inhaltlich überraschender als das, was irgendein SVP- oder SP-Vertreter im Nationalrat von sich gibt und nicht zuletzt häufig von hohem Unterhaltungswert.

Wahrscheinlich haben auch diese Reden keinen Einfluss auf längst gemachte politische Meinungen. Aber wenigstens heben sie das Niveau des Fernsehabends ganz gehörig.

Metins Funknetze

341.jpgEin bisschen Heimweh kommt ja schon auf – das erste Mittagessen bei Metin in der Zürcher Körnerstube nach sechs Monaten Kalifornien ist ebenso fremd wie heimelig, denn Lammvoressen mit Kartoffelgratin bin ich mir inzwischen so wenig gewohnt wie die Tatsache, dass ich hier eine Zigarette anzünden darf, ohne zuvor auf die Strasse hinausgetreten und mindestens sechs Fuss vom Eingang zum Restaurant entfernt zu sein.

Die Überraschung folgt auf das Essen: Ich schalte den Computer ein und erwarte – im Gegensatz zum verstrahlten San Francisco – gähnende Leere im Verzeichnis der Funknetzwerke.

Aber siehe da: Inzwischen ist auch Zürich voller drahtloser Firmennetze: 15 Stück zeigt mein Rechner an. Und drei davon, mit bestem Empfang an Metins Mittagstisch, sind ungeschützt.

Irgendeinem nicht ganz techniksicheren Zeitgenossen verdanke ich also, dass ich auch an der Limmat passwort- und kostenfreien Zugriff auf meine Webseite geniesse. Der Kreis vier hat den Äther des Silicon Valley .

Besten Dank an die Eigentümer der Funkbasis, die selbst in der pedantischen Schweiz zu faul waren, das Handbuch zu lesen und ein Passwort zu setzen. Ich fühl mich ganz daheim.

Tennis in SF

340.jpgEigentlich kostet hier alles. Oder zumindest entspricht dies dem Vorurteil des kapitalistischen Amerika. Tatsächlich ist für Geld alles zu haben.

Manchmal aber auch einiges ohne Geld. San Francisco ist als Gemeinde unheimlich sozial veranlagt. Vergünstigungen für Bürger und Bürgerinnen mit tiefen Einkommen sind fast überall zu kriegen; viele Kultur- und Sportangebote sind gar ganz kostenlos.

Beispielsweise betreibt die Stadt in ihren vielen Pärken und Playgrounds über 130 Tennisplätze, einige davon sind abends sogar beleuchtet. Wer spielen will, geht (naja – fährt) hin und wartet, bis eine der Gruppen die bohrenden Blicke der Wartenden nicht mehr erträgt und das Feld räumt.

Inzwischen habe ich den Trick mit dem penetranten Herumstehen am Platzrand so richtig raus – längere Wartezeiten haben wir nie hinnehmen müssen, um dem gesundheitsförderlichen Freizeitvergnügen zum Nulltarif zu frönen.

Ist es da noch nötig zu erwähnen, dass Freiluft-Tennis bei 18 Grad (im Schatten) im Januar und Februar ganz besonderen Spass macht?