Archiv für den Monat: November 2004

Mein Recht

335.jpgDies ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jedenfalls im Zusammenhang mit rechtlichen Angelegenheiten. Ein TV-Spot für eine Organisation namens «We, the people» bietet Formulare für alle Lebenslagen wie Privatkonkurs oder Scheidung zum Spottpreis von jeweils 150 Dollar.

Mit verständnisvoll- mitleidiger Stimme erklärt ein Sprecher im Off, dass all diese wundervollen Dinge nämlich ein Menschenrecht und ganz ohne Anwalt erreichbar sind. In einem anderen Spot sucht eine Kanzlei Menschen mit Lungenkrebs, der vielleicht von Asbest herrührt – um genügend Kläger für einen grossen Sammelprozess zusammenzukriegen. Und ein kleiner lokaler Anwalt sucht Opfer von Verkehrsunfällen, denen er zu «ihrem Recht» verhelfen will.

Dieses Recht besteht hier, je nach erlittenem körperlichem oder psychischem Schaden und Geschick des Anwalts, schon mal aus ein paar hundert Millionen (wenn der Beklagte eine grosse Firma ist) oder wenigstens dem Gegenwert eines SUV (einem jener benzinverdunstenden Stadtplayboy-Allradmonster, die hier vor dem Ölpreishöhenflug so beliebt waren), wenn der Beklagte nur ein kleiner Mitmensch ist. Und er sich nicht rechtzeitig bei «We, the people» eine Bankrotterklärung für 150 Bucks erwirbt.

Ich werde niemanden verklagen. Obwohl die Reparatur meines soeben erworbenen Autos (ein alter Golf, kein Hummer) deutlich teurer ausfällt als der Preisnachlass, den mir der Verkäufer gewährte.

Und obwohl ich mir auf der Heimfahrt wegen eines neuen Grabens in der gleichentags noch unversehrten Strasse beinahe den Schädel am Wagendach eingeschlagen hätte – und schwören könnte, dass meine Englischkenntnisse vor dem Unfall viel besser waren. Obwohl ich also in meiner Arbeit behindert werde, und das jeden Tag meiner verbleibenden 27 Arbeitsjahre. Und obwohl ich die Stadt – und niemanden von «We, the people» – verklagen würde, deren Arbeiter das Loch zwei Stunden nach meinem Reinfall markiert und abgesperrt haben.

Am Mittwoch muss mein Golf nochmals in die Garage. Vielleicht werde ich danach in den gelben Seiten mal die Anwaltskanzleien durchsehen.

Die Mehrheit

334.jpgWährend in den Staaten im Osten bereits die ersten Resultate eintreffen, wird in San Francisco noch gewählt. Dieweil alle Medien Bilder von schlangenstehenden Wählern zeigen, habe ich hier in «meinem» Wahllokal am Mittag grade mal eine Handvoll Leute angetroffen. «Oh, die sind Schlange gestanden am Morgen, und sie werden es wieder tun am Abend», beruhigt mich eine der Stimmenzählerinnen.

Der Urnengang will gut geplant sein, denn er ist anstrengend: Es gilt nicht nur zwischen Bush und Kerry zu entscheiden, sondern neben einem Sitz im Senat und einem im Repräsentantenhaus sind Dutzende von Posten auf Staats- und Bezirksebene zu besetzen und, wenn ich richtig gezählt habe, 32 (zweiunddreissig) Abstimmungsfragen zu beantworten. Das hiesige «Bundesbüchlein» zur Abstimmung ist ein dickes Taschenbuch, der Stimmzettel ein siebenseitiges, dicht bedrucktes Dokument.

In San Francisco, eigentlich in ganz Kalifornien, ist dabei der Ausgang der Präsidentschaftswahl kein Thema: Im bevölkerungsmässig grössten Bundesstat gewinnen die Demokraten traditionell, für Bush hat namentlich an der Küste niemand etwas übrig.

Aber auch wenn es einige Republikaner gibt, nützen die Bush überhaupt nichts: Die Amerikaner wählen ihren Präsidenten nicht direkt, sondern über eine Art Ständemehr. Die nach Bevölkerungsanteil für jeden Staat bestehenden so genannten Elektorenstimmen gehen nicht nach Stimmprozenten an die Kandidaten – hier gilt der amerikanische Spruch «The winner takes it all».

Im Falle Kaliforniens geht es um 55 Elektorenstimmen. Die gehen allesamt an Kerry, wenn er auch nur ein Prozent mehr Wählerstimmen erreichen sollte.

Zu meinem Erstaunen steht diese Systematik nicht zur Debatte. In den vergangenen Tagen haben die Medien jeden Aspekt der Wahl unter die Lupe genommen und über Probleme bei der Wählerregistrierung oder Bedenken bezüglich der Abstimmungsmaschinen berichtet. Aber das Elektorensystem, das wagt niemand anzufassen.

Vizepräsident Dick Cheney ist wegen 4 Elektorenstimmen am Vorabend der Wahl nach Hawaii geflogen. John Kerry hat während der Kampagne 28 Mal Florida (27 Stimmen) besucht. «Uns dagegen beachtet gar niemand mehr», beklagt ein Kommentator heute im San Francisco Chronicle. «Vielleicht sollten wir die Wahl boykottieren.»

Ich hoffe, das ist nicht der Grund für die Leere, die ich im Wahllokal angetroffen habe.