Dies ist das Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Jedenfalls im Zusammenhang mit rechtlichen Angelegenheiten. Ein TV-Spot für eine Organisation namens «We, the people» bietet Formulare für alle Lebenslagen wie Privatkonkurs oder Scheidung zum Spottpreis von jeweils 150 Dollar.
Mit verständnisvoll- mitleidiger Stimme erklärt ein Sprecher im Off, dass all diese wundervollen Dinge nämlich ein Menschenrecht und ganz ohne Anwalt erreichbar sind. In einem anderen Spot sucht eine Kanzlei Menschen mit Lungenkrebs, der vielleicht von Asbest herrührt – um genügend Kläger für einen grossen Sammelprozess zusammenzukriegen. Und ein kleiner lokaler Anwalt sucht Opfer von Verkehrsunfällen, denen er zu «ihrem Recht» verhelfen will.
Dieses Recht besteht hier, je nach erlittenem körperlichem oder psychischem Schaden und Geschick des Anwalts, schon mal aus ein paar hundert Millionen (wenn der Beklagte eine grosse Firma ist) oder wenigstens dem Gegenwert eines SUV (einem jener benzinverdunstenden Stadtplayboy-Allradmonster, die hier vor dem Ölpreishöhenflug so beliebt waren), wenn der Beklagte nur ein kleiner Mitmensch ist. Und er sich nicht rechtzeitig bei «We, the people» eine Bankrotterklärung für 150 Bucks erwirbt.
Ich werde niemanden verklagen. Obwohl die Reparatur meines soeben erworbenen Autos (ein alter Golf, kein Hummer) deutlich teurer ausfällt als der Preisnachlass, den mir der Verkäufer gewährte.
Und obwohl ich mir auf der Heimfahrt wegen eines neuen Grabens in der gleichentags noch unversehrten Strasse beinahe den Schädel am Wagendach eingeschlagen hätte – und schwören könnte, dass meine Englischkenntnisse vor dem Unfall viel besser waren. Obwohl ich also in meiner Arbeit behindert werde, und das jeden Tag meiner verbleibenden 27 Arbeitsjahre. Und obwohl ich die Stadt – und niemanden von «We, the people» – verklagen würde, deren Arbeiter das Loch zwei Stunden nach meinem Reinfall markiert und abgesperrt haben.
Am Mittwoch muss mein Golf nochmals in die Garage. Vielleicht werde ich danach in den gelben Seiten mal die Anwaltskanzleien durchsehen.
Während in den Staaten im Osten bereits die ersten Resultate eintreffen, wird in San Francisco noch gewählt. Dieweil alle Medien Bilder von schlangenstehenden Wählern zeigen, habe ich hier in «meinem» Wahllokal am Mittag grade mal eine Handvoll Leute angetroffen. «Oh, die sind Schlange gestanden am Morgen, und sie werden es wieder tun am Abend», beruhigt mich eine der Stimmenzählerinnen.