Okt
25
Es regnet
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«Mann, das wird ein ungemütlicher Tag für Euch da draussen in der Bay Area!» - natürlich war dies der Tag, an dem ich endlich meine erste Runde Golf gebucht hatte. Und jetzt kündigte der Wetterkanal den ersten, völlig verfrühten und viel zu heftigen Herbststurm an. Ich rechnete mit einer wahren Sintflut.
Nun, es hat geregnet an jenem Tag. Zum zweiten Mal, seit ich in Kalifornien bin (am Sonntag zuvor hats den Strassenmarkt auf der Clement besprüht – ausser den Standbesitzern fanden das die meisten Leute lustig). Der Golfplatz war wunderbar leer, und kurz nach dem neunten Loch begann es wirklich zu giessen. Eine halbe Stunde später waren mein Zufallspartner Josh (der zweite Kunde auf dem Presidio Golf Course an diesem Mittwoch) und ich unterwegs für die zweiten neun. Gegen 15 Uhr war auch die Sonne wieder mit von der Partie.
Zu Hause, auf dem Wetterkanal, hatte sich der Inhalt, aber nicht der Ton geändert. «OK Folks, der gröbste Regen ist vorbei. Aber jetzt kommt der Wind. Wow, in San Francisco blästs ganz gehörig!».
Der Ton ist in etwa derselbe, ob es nun das Wetter, der Mangel an Grippe-Impfstoff oder der Benzinpreis ist: Amerika, gleich fällt dir der Himmel auf den Kopf. Oder zumindest fällt er dir auf den Kopf, wenn Du nicht Kandidat A wählst. Oder Produkt B kaufst.
Heute regnet es wieder. Jedenfalls gehe ich davon aus, dass es ganz einfach regnet und dies nicht das Ende der Welt ist. Und damit das so bleibt, schalte ich auf keinen Fall den Wetterkanal ein.
Allerdings würde es mich nicht wundern, wenn Kandiat B auf CNN erklärte, ein Wahlsieg seines Kontrahenten A bedeute jahrelangen Dauerregen.
Okt
18
Heisse Nummer
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Die Fingerabdrücke und ein Logitech-Bild von mir haben sie ja schon, die Heimland-Sicherheitsfritzen. Trotzdem kam ich mir bisher hierzulande wie ein nichts vor. Es fehlte die ominöse Nummer, von der ich an dieser Stelle bereits behauptet habe, dass man sie nicht unbedingt braucht. Nachdem ich aber selbst mit meiner Schweizer ID in einer Bankfiliale um eine Barauszahlung ab meinem Konto kämpfen musste, ist die Einsicht gereift: Ohne Sozialversicherungsnummer (SSN) existiert man hierzulande nicht.
Die Amerikaner selber, die weder Ausweistragepflicht noch Einwohnerkontrolle kennen, mussten sich, um in zwei Wochen ihren Präsidenten wählen zu können, bis heute mit der SSN als Wähler registrieren lassen.
Aber jetzt gehöre ich endlich auch dazu: Vor zwei Tagen lag die Karte im Briefkasten. Darauf steht zwar, dass man mich nur nach Rücksprache mit dem Departement für Homeland-Sicherheit anstellen darf. Aber im ersten Übermut hätte ich mich beinahe in eine der Wählerlisten eintragen lassen.
Die Realität holte mich im nächsten Cornerstore ein, als der Inhaber mich auf Chinesisch mit englischem Einschlag aufforderte, das Überschreiten der Altergrenze für den Kauf von Zigaretten per Foto-Ausweis zu belegen. Und dann auf einer kalifornischen Drivers-Licence bestand.
Wenigstens eröffnet mir die SSN auch den Weg zu diesem Papier.
Wenn ich die Fahrprüfung bestehe.
Okt
8
Umzug
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Es ist kaum einen Monat her, da war ich nach mühseligem Umverteilen all meiner Habselig- und -unseligkeiten (ich wusste gar nicht mehr, dass ich ein Luftgewehr habe..?) froh, fast nichts mehr zu besitzen. Und die wichtigsten Stücke, von denen ich mich nicht trennen mochte, lagern in ihre Einzelteile zerlegt auf Estrichen und in Garagen von Freunden. Zwei Monate und meine ganzen Nerven hat die Entsorgungsaktion gekostet.
Bloss: Jetzt sitze ich in der neuen Wohnung auf der andern Seite der Kugel und suche im Craigslist.org nach eben den Dingen, die ich grade losgeworden bin. Und nach dreissig Tagen und drei Hotelzimmern besitze ich bereits wieder soviel Zeug, dass ein Mietvan für den Umzug nötig wurde. Mit dem habe ich dann meinen Berg von der Turk Street an die 2nd Ave bugsiert und bin danach 50 Meilen durch die Strassen von San Francisco gekreuzt: Auf der Suche nach «Moving Sales».
Denn die Amerikaner erledigen das mit den Habseligkeiten noch viel schneller als unsereins. Wer woanders einen Job kriegt, muss offenbar innerhalb einer Woche dort- und vorher seine Habe los sein. Evan und Colette jedenfalls ziehen zurück nach New York - «due next Monday» - und überliessen mir liebend gern sehr viel mehr als den Staubsauger; Karakurt und Li legen sich ins Zeug, um mir einen ihrer fünf Käfige voller Kanarienvögel aufzuschwatzen, und Jim gibt mir sein Bett sehr günstig, brauchts aber noch bis Freitag. «Moving Sales» sind die Gelegenheiten für Neuankömmlinge, um billig an ganze Haushaltungen heranzukommen. Bloss sollte man dabei an die Möglichkeit der eigenen Abreise denken und massvoll bleiben.
Ich geh nie mehr weg hier.
Okt
1
Elefant im Raum
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Die einzige sehr konkrete Einschätzung der ersten Präsidentschaftsdebatte in den USA gab ein Karrikaturist ab: «Was mich verblüfft nach jeder Veranstaltung mit George Bush», sagte Zeichner Aaron McGruder auf CNN, « sind alle diese klugen, gebildeten Journalisten und Analytiker, die angestrengt den Elefanten im Raum übersehen. Der Elefant ist: George W. Bush ist schlicht und einfach dumm.» Man muss nicht einmal diese Einschätzung teilen, um zumindest den amerikanischen Berufskollegen den Vorwurf zu machen, so sehr auf Ausgeglichenheit bedacht zu sein, dass sie sich jeden Urteils über diese Debatte enthielten. Stattdessen liessen sie die Spindoctors der beiden Kampagnenteams reden – und deren Holzhammersprüche und Siegerklärungen waren noch unerträglicher als das Schweigen der Journalisten. Inmitten dieses grossen Zirkus verkündete allerdings ausgerechnet der Murdoch-Sender Fox, der unverhohlen reaktionärste der grossen US-Sender, unmittelbar nach der Debatte John Kerry zum Sieger.